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Manchmal reicht ein bisschen Magie

Eckart von Hirschhausen in Marburg Manchmal reicht ein bisschen Magie

Mit Lebensweisheiten, Kritik an „esoterischem Bullshit“ und dem Gesundheitssystem, Musik und viel Magie hat Dr. Eckart von Hirschhausen sein Marburger Publikum verzaubert - und ein bisschen gesünder gemacht.

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Dr. Eckart von Hirschhausen suchte in seiner Show „Wunderheiler“ immer wieder die Nähe zu seinem Publikum.

Quelle: Patricia Graehling

Marburg. Das Programm „Wunderheiler“ von Hirschhausen ist vor allem zum Lachen. Es regt aber auch dazu an, wieder mehr auf den eigenen Körper zu hören und über sich, die Einstellung zum Leben und die Medizin nachzudenken. Denn Hirschhausen ist nicht nur Komiker, er ist auch Arzt, Zauberer und vor allen Dingen Entertainer. Er kritisiert humorvoll das deutsche Gesundheitssystem, erzählt persönliche Geschichten und hält seinem Publikum charmant den Spiegel vor: Viele Menschen in Deutschland gingen mit ihrem Auto besser um, als mit ihrem Körper.

Mit Lebensweisheiten, Kritik an „esoterischem Bullshit“ und dem Gesundheitssystem, Musik und viel Magie hat Dr. Eckart von Hirschhausen sein Marburger Publikum verzaubert – und ein bisschen gesünder gemacht. Zuerst hielt der vielseitige Entertainer einen Hörsaal-Vortrag an der Uni. Direkt im anschluss ging es in die Stadthalle.

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Es war ein kurzweiliger Abend im seit Wochen ausverkauften Erwin-Piscator-Haus, von dem man aber viele Gedanken mit nach Hause nehmen konnte. Ohne den moralischen Zeigefinger zeigte Hirschhausen, dass weniger Gewicht und mehr Bewegung, die Selbstheilungskräfte des Körpers und eine ­positive Einstellung manchmal mehr helfen, als eine Operation. Denn: „Ein guter Teil der OPs in Deutschland ist nicht besser als Voodoo.“ Damit kritisierte Hirschhausen etwa das Fallpauschalensystem, bei dem Ärzte zu Verkäufern von Leistungen würden. „Ich verstehe nicht, wieso­ sich keiner darüber aufregt“, ­ärgerte er sich. Umso mehr verstehe er, warum die Menschen frustriert von der Medizin seien: Ein Kassenarzt habe nur noch sechs Minuten Zeit pro Patient. Letztere fühlten sich oft abgefertigt, weswegen sie in die Alternativmedizin abwanderten. Wo aber auch durch „esoterischen Bullshit“ Menschen sterben - etwa weil sie eine „alternative Krebstherapie“ machten.

Und Hirschhausen zeigte, dass es oft die innere Einstellung ist, die glücklicher und auch gesünder macht. Deswegen gehören für ihn Magie und Medizin zusammen, etwa die Magie von Zuwendung, von Berührungen, von Musik und Worten. Wer bei einer Chemotherapie das „Gift“ stattdessen als „Heilsoße“ sehe, unterstütze die Therapie durch positive Einstellung. „Studierende sollten genauso viel über die Kraft von Worten wissen, wie über Biochemie und Pharma­kologie. Aber das ist noch ein weiter Weg.“

2017 entscheidet sich, ob wir unsere Werte erhalten

Genau diesen Weg beschreitet Hirschhausen mit seinem medizinischen Kabarett, das viele Studenten, Mediziner und Pfleger unterhalten hat. Er brachte viele Beispiele für die „Kraft der positiven Illusionen“ - etwa das „Aua“ bei Kindern, das aus dem Fenster fliegt, wenn man pustet. Und er appellierte daran, wieder mehr solcher Magie in der Medizin zu wagen. Schließlich habe beides die gleichen Wurzeln: So gab es früher nur den Medizinmann. Heute habe man stattdessen den Arzt, Apotheker, Drogendealer und Eventmanager.

Er selbst sei bei einem Schamanen gewesen. „Und er hat nicht gefragt, wo es weh tut, er hat gefragt: ,Wann hast du aufgehört zu tanzen?‘“ Das brachte eine nachdenkliche Stille ins Publikum. Am Ende hat der magische Mediziner sein Publikum zum Tanzen gebracht und spätestens dann unbeschwertes Lächeln auf die Gesichter gezaubert - eine wirkungsvolle­ Massenbehandlung in zweieinhalb Stunden, statt in sechs ­Minuten.

Eigentlich macht der humorvolle Arzt kein politisches Kabarett. Aber er selbst sagte: „Jetzt ist die Zeit, wo man nicht mehr einfach die Klappe halten kann.“ Er erklärte „alternative Fakten“ zum absoluten Blödsinn, zeigte, wie sich „Fake-News“ verbreiten und erzählte, dass seine Großeltern als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Sein Vater habe ein Stipendium bekommen. Und die Familie habe an Steuern mittlerweile das 20-Fache von dem zurückgezahlt, was sie einst bekommen habe. „2017 ist das entscheidende Jahr, das zeigt, ob wir es schaffen, unsere Werte aufrecht zu erhalten“, sagte er mit Blick auf die Bundestagswahl.

Die Kritik an der Bezahlung von Pflegekräften packte­ Hirschhausen charmant ein: „Wenn Busfahrer streiken, kommen Sie nicht mehr von A nach B. Aber wenn Pfleger streiken, kommen Sie nicht mehr vom Bett aufs Klo“, gab er zu bedenken und spendierte dem Rettungssanitäter Martin auf der Bühne eine kostenlose Blinddarm-OP.

Einen Werbeblock gab es natürlich auch. Der war aber angebracht, sammelt Hirschhausen doch Geld für seine Stiftung „Humor hilft heilen“, etwa mit den roten Nasen, die die Marburger Clowndoktoren verkauften. Schließlich mache Lachen nicht nur schön, sondern sei auch die beste Medizin - und durch die Stiftung werden viele kranke Menschen zum Lachen gebracht, die sonst vielleicht nicht so viel zu lachen haben, so wie das Publikum an diesem Abend.

von Patricia Grähling

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