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Marburg Schüsse vom Schloss trafen Feldherrn
Marburg Schüsse vom Schloss trafen Feldherrn
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20:15 23.05.2018
Dieser Stich von Matthäus Merian zeigt die Stadt Marburg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Quelle: Bildarchiv Foto Marburg
Marburg

„Der Dreißigjährige Krieg spielte in Hessen im Vergleich mit anderen deutschen Regionen eine besondere Rolle“, erläuterte der Marburger Historiker Professor Christoph Kampmann im Gespräch mit der OP.

Der Hauptgrund dafür sei die besondere Rolle von Hessen-Marburg – also der Region Oberhessen – als Zankapfel zwischen den Fürstenhäusern Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel gewesen, nachdem in der Folge der Landesteilung nach dem Tod von Philipp dem Großmütigen die Marburger ­Linie kinderlos blieb.

Der zusätzliche innerhessische Streit habe dazu geführt, dass Hessen eines der schlimmsten Kampfgebiete in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gewesen sei. Die Söldnertruppen aller Seiten hätten das Gebiet jahrzehntelang geplündert und ausgesaugt.

Auch in Zahlen lässt sich laut Kampmann die Intensität des Krieges nachvollziehen. So habe Hessen in den 30 Jahren nach auf Zahlen aus den Kirchenbüchern basierenden Schätzungen fast die Hälfte der Bevölkerung verloren. Zum Vergleich: Im restlichen deutschen Gebiet sei die Bevölkerungszahl im selben Zeitraum nur um ein Drittel zurückgegangen.

Hessen-Kassel auf protestantisch-schwedische Seite

Dabei habe es keinen permanenten Kriegszustand gegeben, sondern­ immer wieder auch Phasen der Ruhe.

Im Dreißigjährigen Krieg ­ergriff Hessen-Kassel die protestantisch-schwedische Seite.­ Hessen-Darmstadt wiederum stand trotz lutherischer Konfession auf Seiten der katholisch-kaiserlichen Partei.

Im sogenannten Hessenkrieg erfolgte in der Schlussphase des ­Dreißigjährigen Krieges zunächst die Belagerung und Eroberung von Stadt und Schloss Marburg durch niederhessische Truppen unter General von Geiso (1645/46).

Bei der Belagerung der Stadt Marburg Ende 1647 kam niemand Geringeres als der Oberkommandierende der kaiserlich-bayrischen Armee, Generalfeldmarschall Melander von Holzapfel – der Nachfolger von Wallenstein –, an der Spitze einer Belagerungsarmee bis vor die Stadt und nahm Marburg ein.

Es gelang ihm allerdings nicht, das Schloss einzunehmen. Bei der Belagerung verlor er jedoch zahlreiche Truppen. Am 28. Dezember 1647 kam es zu einer nicht nur aus Sicht von Kampmann denkwürdigen Episode. Der Oberbefehlshaber der Kasseler – der Schlosskommandant Johann Georg Stauff – ließ mit Kanonen vom Schloss hinunterschießen. Die Geschütze trafen das Am Grün gelegene Haus des Apothekers Seip, wo sich Melander mit seinem Stab versammelt hatte und gerade zum Trompetensignal zu Tisch setzen wollte.

Zerschossene Ecke
 als Denkwürdigkeit

Melander wurde durch einen­ zerschossenen Balken verletzt. Der vor der Tür des Tafelzimmers stehenden Schildwache wurde sogar der Kopf abgeschossen. Der schwer verwundete Melander verzweifelte und zog mit seinen Mannen endgültig ab. „Dieser Schuss hat fast zwei Jahrhunderte zu den ­bekanntesten hessischen Denkwürdigkeiten des Dreißigjährigen Krieges gehört.

So lange das Griener Thor in Marburg stand, wurde die durch jenen Schuss herausgeschlagene Ecke jedem Kinde gezeigt, und eine von den Kugeln, welche in Melanders Zimmer gefahren waren, war noch vor wenigen Jahren in dem, freilich umgebauten Hause vorhanden“, heißt es in der von August Vilmar verfassten hessischen Chronik aus dem Jahr 1855.

So spielte Marburg zumindest auch eine kleine Rolle in der großen Politik im Dreißigjährigen Krieg. Der Hessenkrieg hatte auch eine Vorgeschichte, die auf einem Religionskonflikt basierte. Moritz der Gelehrte hatte als Landesfürst des Territoriums Hessen-Kassel die calvinistische Religion eingeführt, ganz im Gegensatz zur Verpflichtung, dass für das Gebiet von Hessen-Marburg die lutherische Religion gelten solle.

„Er sah sich als Politiker einer Großmacht“, meint Kampmann. Allerdings habe er sich in dieser Rolle wohl überschätzt und sich unter anderem den Kaiser zum Feind gemacht.

Kasselaner sollten Einkünfte zurückzahlen

Wenige Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges kam es durch einen Beschluss des Reichshofrates vom Jahr 1623 zur Übertragung des Gebietes Oberhessen von Hessen-Kassel an Hessen-Darmstadt.

Damit verbunden gewesen sei auch die Forderung, dass die Kasselaner die Einkünfte aus den Besitzungen des Territoriums zurückzahlen sollten.

Die Erbstreitigkeiten eskalierten ab Mitte der 1620er-Jahre, als Moritz endgültig zur Rückgabe des Territoriums und zur Abdankung gezwungen wurde.

1630 wendete sich das Blatt aber erneut, nachdem Schwedenkönig Gustav Adolf in Usedom an der Ostseeküste gelandet war. Hilfe bekam er, als einer der wichtigsten Gegenspieler der Kaiserlichen von Moritz‘ Sohn, dem neuen Kasseler Fürsten Wilhelm VI., der mit Gustav Adolf einen Bündnisvertrag unterzeichnete und ihm militärische Unterstützung anbot.

Bereits einige Monate vor dem 1648 in Münster unterzeichneten Westfälischen Frieden kam es zum Frieden im Hessenkrieg. Dieser Friedensvertrag wurde in Gotha unterzeichnet. Dabei fielen das Marburger Schloss und große Teil der Marburger Region zu Hessen-Kassel, das aus Sicht von Kampmann insgesamt aus den jahrzehntelangen innerhessischen Konflikten gestärkt hervorging.

von Manfred Hitzeroth