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Marburg Dreifacher Bruch mit der Ikone Luther
Marburg Dreifacher Bruch mit der Ikone Luther
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17:27 04.05.2017
Die Künstlerinnen Renate Brühl (von links), Gisela Weiß und Miltraud Menzel-Kräling zeigen Arbeiten zu Luther. Quelle: Beatrix Achinger
Marburg

Drei Künstlerinnen – Renate Brühl, Miltraud Menzel-Kräling und Gisela Weiß – nehmen in ihrer Ausstellung im Marburger Rathaus eine Vielzahl von Blickwinkeln auf den Reformator ein: kritische, moderne, satirische und ironische. Das Ergebnis ist bis zum 12. Mai unter dem Titel „Luther – vergangen und doch da“ zu sehen.

Ein Schritt über die Türschwelle offenbart dem Besucher zunächst den direkten Blick auf Feuerstürme und Ströme von Blut und Gewalt. Dabei handelt es sich um apokalyptische Motive aus der Offenbarung des Johannes, wobei kleinformatige Farbdrucke einer Luther­bibel aus dem Jahr 1534 in Schrifttafelgröße transponiert sind. Mit weiteren Radierungen wählt die Künstlerin Gisela Weiß einen Zugang zu Luther, der sich unter anderem mit seiner Grundangst und Erwartung eines nahen Weltuntergangs befasst. Auch auf Luthers Flugschriften fanden sich instrumentalisierte apokalyptische Bilder als Feindprojektionen wieder.

Verweise zum aktuellen Weltgeschehen

An den Wänden des Saals widmet sich die Künstlerin Renate Brühl Luthers essentiellen Glaubensinhalten, seiner Auffassung von Predigt und nähert sich Luthers Kreuzestheologie: zunächst die gequälte Haltung Jesu am Kreuz, dann prangt ein Kreuz über dem Hörsaal, in dem Luther seine Grundauffassung von Predigt lehren will, und schließlich das Unendlichkeitszeichen mit Filmbändern des Reformators. Es ist eine von vielen Transformationen historischer Motive durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart. Renate Brühl wählt komplexe Verfahren, bei denen sie Tuschezeichnungen und Bildmontagen digitalisiert und mit dem Computer bearbeitet. Später entstehen daraus Drucke.

An der gegenüberliegenden Wand beschäftigt sich Miltraud Menzel-Kräling durch farbig gehaltene Linoldrucke mit Sprüchen Luthers sowie Stationen aus seinem Leben. Beginnend mit seinem erlebten Blitzschlag bei Erfurt, der ihn dazu bewegte, ein Leben als Mönch zu führen. Über einem Porträt Luthers mit seiner Kernaussage über den Glauben, taucht eine unübersehbare Referenz zu einem brandaktuellen Thema auf: „Und wenn die Welt voll Teufel wär‘ und wollt‘ uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es wird uns doch gelingen“, steht neben dem Bild einer Teufelsfigur und dem Konterfei Donald Trumps.

Martin Luther ist bei den zehn Arbeiten mal Leitfigur, mal Zeuge oder Zuschauer des Geschehens. Die Vernissage wurde musikalisch untermalt von Thomas Zeuner von dem Duo „Wildwuchs“, der ein Spielmannslied aus dem 12. Jahrhundert und das von Luther inspirierte und „Vom Himmel hoch“ spielte.

von Beatrix Achinger

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