Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Doppelter Shakespeare - halbe Sache

Staatstheater Kassel Doppelter Shakespeare - halbe Sache

Stücke, bei denen man im Vorfeld ziemlich viel fürs weitere Verständnis erklären muss, haben meist einen Haken. Das gilt auch für Patrick Schlössers Shakespeare-Doppelprojekt „Der Kaufmann von Venedig und sein Traum von Was ihr wollt“.

Voriger Artikel
„Das Flüstern aus dem Schatten“ erzählt von der Rebellion
Nächster Artikel
Afrika zum Tanzen und Anfassen

Shylock (Alexander Weise) geht auf Antonio (Thomas Meczele) los. Foto: Dominik Ketz

Marburg. Die einleuchtend klingende Hypothese von den Doppelexistenzen in den dramatischen Parallelwelten wird auf der Staatstheater-Bühne kaum plausibel in Szene gesetzt: Und so umschließt ein brillant-rasanter Kaufmann in bestechender Traumlogik eine praktisch witzfreie Verwechslungskomödie, die so träge vor sich hin tröpfelt wie der wachsende Schaumberg im Hintergrund.

„Der Kaufmann von Venedig“ und „Was ihr wollt“ - auf den ersten Blick handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche Stücke von William Shakespeare, die zudem unterschiedlichen Gattungen angehören. Doch Oberspielleiter Patrick Schlösser stolperte bei der Vorbereitung auf die Proben zum ursprünglich allein angesetzten Kaufmann über bislang übersehene Parallelen, die ihn zum Doppelprojekt motivierten.

Nach seiner Einschätzung hat der fürs venezianische Geschäftsleben unentbehrliche und doch gehasste Geldverleiher Shylock (Alexander Weise), der unversöhnlich und ohne Rücksicht auf Verluste auf seinen Anspruch pocht, im nicht minder unbeliebten und auf absolute Einhaltung der Regeln bedachten Haushofmeister Malvolio gewissermaßen einen Doppelgänger im nahe gelegenen Illyrien (antike römische Bezeichnung für den Balkan). Die beiden machtvollen Außenseiter haben die oft gar nicht so feine Gesellschaft gegen sich.

Ausgehend von dieser Erkenntnis ließen sich in den lange einsamen Hauptpersonen Portia/Olivia (Alina Rank) und Antonio/Orsino (Thomas Meczele) schnell weitere Parallelexistenzen ausmachen, die über Jessica/Maria (beide hassen Shylock/Malvolio und spielen dem verhassten Vater/Vorgesetzten einen üblen Streich) bis hin zum Narren Lancelot Gobbo/Feste (Peter Elter) reichen.

Homoerotische Fantasie

Schnittpunkt der beiden Theaterwelten ist der Moment, in dem Shylock sein Messer ansetzt und damit Antonio eine Nahtoderfahrung und den Sprung in die Traumwelt Illyriens beschert, wo im Alltag der Lagunenstadt Unausgelebtes Wirklichkeit werden kann. Auch die erotische Erfüllung, denn der beste Freund Bassanio, für dessen Liebesglück der selbstlose Kaufmann mit Leib und Leben bürgt, erscheint in „Was ihr wollt“ in der Hosenrolle der Viola. Christoph Förster wechselt nominell das Geschlecht und kommt als Frau zum glücklichen Ende für Orsino.

Ein durchaus interessanter Ansatz, der sich gut in einem philologischen Aufsatz begründen lässt, der dramatische Nachweis gelingt allerdings nur bedingt, denn auf die spritzig-schmutzige Schlammschlacht des Kaufmanns folgt ein ermüdend biederer Traum im Schaum, der allenfalls Freilichtbühnendurchschnitt darstellt. Dieser vermeintliche „Traum von Was ihr wollt“ erweist sich als dramatische Bleikammer der Inszenierung. Tatsächlich hat sich Schlösser mit der Doppelung Malvolio - Shylock sogar Hemmschuhe angelegt, die Historie ist bei diesem Thema einfach zu übermächtig für einen Schnellschuss.

Denn wenn Malvolio nicht mehr nur ein anmaßender eitler Geck ist, der sich durch fingierte Liebesbriefe zu allerlei Torheiten hinreißen lässt, sondern die Zweitausgabe des jüdischen Opfers der Gesellschaft, dann bekommen die eigentlich arglosen Witze in Shakespeares Komödie ein anderes Gewicht.

In der Schlusswendung macht Alexander Weise, der als einseitig rechthaberischer Malvolio jede komische Übertreibung meidet, mehr Klamauk als in der Komödie.

Ein starker, spannungsvoller Kaufmann in zügigem Erzähltempo hätte vollkommen genügt. Für eine schlüssige Inszenierung von „Was ihr wollt“, in der die aufgezeigten Prämissen auch szenisch nachvollziehbar werden, fehlte es wohl an Zeit oder Energie. Schade, dass dieser Bonus, dessen Notwendigkeit nicht nachgewiesen wurde, wackersteinschwer in der Mitte liegt. So gilt das alte Sprichwort „Weniger ist manchmal mehr“.

„Der Kaufmann von Venedig und sein Traum von was ihr wollt“ ist am Mittwoch um 19.30 Uhr wieder zu sehen. Mehr im Internet unter www.staatstheater-kassel.de

von Armin Hennig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg