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„Don Giovanni“ fast ohne Titelheld

Opernfestspiele Bad Hersfeld „Don Giovanni“ fast ohne Titelheld

Auch bei der zweiten Premiere der 33. Bad Hersfelder Opernfestspiele musste das Publikum einen sängerischen Totalausfall hinnehmen. Schade, denn die Inszenierung ist ein großer Wurf.

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Sara Mengs als Zerlina (von links), Maria Gessler als Dona Elvira und Tobias Bader als Masetto in einer Szene der Oper „Don Giovanni“.Foto: Elisabeth Mühleder

Bad Hersfeld. Heinz Lukas-Kindermann ist einer der renommiertesten Opernregisseure. Und er kennt sich aus mit Open-Air-Theater in alten Gemäuern, hat er doch die Antikenfestspiele Trier gegründet und geleitet. Sein Debüt bei den Bad Hersfelder Opernfestspielen überzeugt von Anfang bis Ende, weil er Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ partiturgetreu inszeniert und gleichzeitig den Mythos „Don Juan“ neu interpretiert. Und er schafft es, aus Sängern singende Schauspieler zu formen. Das ist Musiktheater vom Feinsten.

Alles beginnt damit, dass eine Nonne einen Greis im Rollstuhl auf die Bühne der Stiftsruine schiebt. Der entledigt sich bald seiner Altersperücke und entpuppt sich als Leporello, der Diener Don Giovannis. Aber wer ist die Nonne? Dieses Rätsel löst Lukas-Kindermann erst am Schluss: Es ist Donna Elvira, eine der Verflossenen des notorischen Verführers, die ja laut Libretto verkündet, dass sie Trost im Kloster suchen werde. Und auch Leporello setzt sich wieder in den Rollstuhl und die Perücke auf den Kopf, während gleichzeitig Don Giovanni, umarmt von drei Grazien, die Hölle verlässt und lachend das Weite sucht. Er ist eben unsterblich und mit ewiger Jugend gesegnet - wobei zu fragen ist, ob das wirklich ein Segen ist.

Schade, dass Vitaly Yushmanov, der figürlich und darstellerisch der ideale Don Giovanni in Lukas-Kindermanns Konzept ist, stimmlich auf Sparflamme schalten musste, weil ihn eine Erkältung plagte. In den lyrischen Momenten, etwa im „Reich-mir-die-Hand“-Duett und im Ständchen, ließ sein geschmeidig-jugendlicher Bariton erahnen, dass auch gesanglich ein hinreißender Don Giovanni in ihm steckt.

Ob er das in dieser Produktion noch wird beweisen können, steht in den Sternen, da ihn der Arzt zumindest für die zweite Aufführung aus dem Verkehr gezogen hat, wie der künstlerische Leiter Siegfried Heinrich der OP am Freitag auf Nachfrage mitteilte. Es werde aber weitergespielt - mit einem stimmlich gesunden Ersatzsänger.

Heinrich feilte mit den Virtuosi Brunensis liebevoll am musikalischen Detail, wählte aber über weite Strecken viel zu langsame Tempi, die so gar nicht das jugendliche Feuer und den komödiantischen Elan der Inszenierung widerspiegelten.

Aus dem spielfreudigen Ensemble ragten vier Sänger heraus: der kraftvoll auftrumpfende Tobias Bader als Masetto, der stimmlich dem forcierenden Leszek Solarski als Leporello die Schau stahl, die in jeder Hinsicht liebreizende Sara Mengs als Zerlina, der machtvoll tönende Young-ho Jeong als Steinerner Gast - und vor allem Anli Sasaki.

Ihre Donna Anna besitzt Ausnahmerang: Bravourös meisterte sie ihre teuflisch schwere Rachearie und zeigte in ihrem an den Verlobten Don Ottavio gerichteten Liebes- und Treuebekenntnis einen Nuancenreichtum, der zu Herzen ging, und eine dramatische Koloraturkunst, die dem Gesangsliebhaber den Atem raubte.

Weitere Aufführungen am heutigen Samstag und danach bis zum 21. August an jedem ungeraden Tag jeweils ab 20.30 Uhr. Karten-Telefon: 0 66 21 / 50 67 - 13 (oder: - 18).

von Michael Arndt

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