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Marburg Uni will die Lehre revolutionieren
Marburg Uni will die Lehre revolutionieren
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00:18 08.12.2018
Mehr als 25 000 Studenten, rund 2 500 Hochschullehrer: Die Digitalisierung wird laut Uni-Präsidium als „disruptiver Prozess“ auch die Strukturen an der Philipps-Universität verändern. Quelle: Archivfoto
Marburg

Ziel ist eine grundsätzliche Veränderung der Hochschullehre, sodass künftig wiederkehrende Lehrinhalte nicht mehr von Professoren in Vorlesungen vorgetragen, sondern bereits vor Uni-Veranstaltungen als digitales Material – unter anderem als Videos – bereitgestellt und in Seminaren vertieft werden.

Professoren sollen so verstärkt Lern-Trainer, die individuell auf jeden Studenten eingehen und deren Probleme lösen, und weniger Wissensvermittler werden. Das hat Professorin Evelyn Korn, Vizepräsidentin für Lehre und Studium an der Philipps-Universität angekündigt. Hintergrund sind OP-Recherchen zur gefährdeten Vorreiterrolle des Fachbereichs Anglistik um Professor Jürgen Handke – der nun laut Uni-Präsidium den Digitalisierungsprozess in Marburg doch verstärkt mitgestalten soll.

Laut Korn ist ein „disruptiver Prozess in Gange, der Strukturen und Ordnungen ändern wird – auch an der Uni“. Technisch seien an der Hochschule für die bevorstehenden Digitalisierungsprozesse alle Voraussetzungen bereits geschaffen – etwa die Verfügbarkeit von Videostudios, Kameras, schnellem Internet und Speicherkapazitäten.

Jedoch gebe es noch keine zentrale Anlaufstelle um fachbereichsübergreifend zu agieren und, wie Handke den Weg skizziert, die Vorab-Vorlesungs-Videos auch erstellen zu lassen.Man wolle mit dem Schritt der Lehre, die laut Erhebungen aus dem Jahr 2017 im professoralen Arbeitsalltag rund 25 Prozent ausmache, mehr Zeit geben.

Inhaltlich geht es vor allem um die Grundlagen aller an der Uni angebotenen Fächer: Sprachwissenschaften, Chemie, Betriebswirtschaft – alle Disziplinen hätten laut Handke eine sich „kaum verändernde Basis“, die Hochschullehrer den Studenten des jeweils nächsten Semesters nicht aufs Neue „wiederkäuen müssten“.

Die Lösung: „Die Inhalte einer Veranstaltungs
reihe einmal filmen und das Wissen auf Video packen, es immer abrufbar halten.“ Bis zum Jahr 2025 soll es laut Handke – der bei der Neugründung der Universität Nürnberg seit Jahren eine maßgebliche Rolle spielt – keine Vorlesungen mehr geben.

Der jahrzehntelang übliche Frontalunterricht habe jedenfalls ausgedient. Abseits der Wissensvermittlung ist es auch laut Korn eine Kernaufgabe universitärer Bildung, Menschen zu sozialkompetenten, verantwortungsbewussten Menschen auszubilden. Die professorale Aufgabe der Zukunft sei daher „Kompetenztraining für junge Menschen“.

Freude am Unterricht

Und in der Vermittlung von Grundlagenwissen liege die große Herausforderung darin, „in jeder Veranstaltung aufs Neue einen Spannungsbogen aufzubauen“. Technische Variation trage dazu bei, „Monotonie zu vermeiden“. So erhalten sich Lehrende die Freude am Unterricht und „holen das beste für die Studierenden aus sich heraus“.

Die perspektivische Neuerung betrifft in Marburg 2 500 Hochschullehrer, zu denen neben Professoren etwa auch Privatdozenten oder Doktoranden zählen. Videomaterial und Co. sollen dabei die Präsenzlehre nicht verdrängen.

Eine Abschaffung der Präsenzlehre, wie Kritiker fürchten, werde es in Marburg nicht geben, da „Wissenschaft grundsätzlich vom permanenten Austausch lebt“, sagt Korn.

Digitale Technik, zum Beispiel Internet-Tools, Videos oder Roboter wie an Handkes Fachbereich Anglistik, seien „Hilfsmittel, um Lehrern das Lehren, Studenten das Lernen zu erleichtern“, erklärt der Anglistik-Professor. 
 Eine neue Zeit, eine neue Generation erfordere „neue Methoden auch in der Lehre“, sagt er.

Stetige Veränderung macht Sinn

Eine zeitliche Vorgabe, wie Handke sie mit dem Jahr 2025 formuliert lehnt Korn zwar ab – zur Einbindung digitaler Hilfsmittel könne man schon angesichts der festgeschriebenen Freiheit der Lehre niemanden verpflichten. Der bestehende Trend werde durch Nachwuchsprofessoren, die sich technischer Hilfsmittel stets selbstverständlicher bedienen, quasi automatisch in diese Richtung gehen.

Digitalisierungsprozesse würden so von Nachwuchsakademikern in die Uni-Lehre hereingetragen und ständig verfeinert. Korn ist „stetige Veränderung lieber als ein Mega-Tempo“. Die Kunst sei, immer wieder neu den angemessenen – oder sachdienlichen beziehungsweise didaktisch begründeten – Einsatz technischer Hilfsmittel zu finden. „Die Lust an Gestaltung muss geweckt werden.“

Das grundsätzliche Problem sei, das Professoren für das Lehren nicht ausgebildet seien – und dass Lehre in puncto Ansehen eine untergeordnete Rolle spiele. „Die Reputation von Wissenschaftlern 
in Deutschland ist im Wesentlichen mit Forschung verbunden“, sagt Korn.

Über gute, gar herausragende Lehre sei das „bedauerlicherweise kaum möglich“. Das neuerliche Scheitern der Philipps-Universität bei der Vergabe der Exzellenz-Cluster-Millionen habe laut Handke gezeigt, dass es in puncto Forschung, trotz einer Spitzen-Forschung in Marburg „für ganz ganz oben nicht reicht – weshalb unsere Exzellenz, unser Markenzeichen die Lehre sein müsste“, wie er sagt.

Korn sieht das etwas anders, will die Exzellenzbewertung nicht an einem einzigen Wettbewerb festgemacht wissen. Wichtig ist ihr, „keinen Keil zwischen Forschung und Lehre treiben, da das eine nicht ohne das andere funktioniert“. Dennoch werde man in den Lehrbereich verstärkt investieren, Drittmittel einwerben – alleine schon, da sich der Kurs bewähre, wie 
der mehrfache Gewinn von Lehrpreisen wie „Ars Legendi“ und anderen Auszeichnungen zeigten.

von Björn Wisker

und Andreas Schmidt