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Marburg Dieser Mann ist nicht ganz koscher
Marburg Dieser Mann ist nicht ganz koscher
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20:23 21.11.2010
Oliver Polak präsentierte sich seinem Publikum im harmlosen Schlabber-Look. Der Humor des Kabarettisten ist aber alles andere als harmlos. Quelle: Jens Ostrowski

Marburg. Oliver Polak ist ein Nervositäts-Trinker. Nach jedem Witz setzt er den Plastikbecher an, schielt neugierig über den Becherrand. Wenn das Publikum lacht, dann trinkt er ein Schlückchen. Wenn sie erschrocken raunen, lässt er den Becher blitzschnell wieder sinken und rast weiter durch sein Programm. Ein Programm, bei dem es durchaus Berechtigung hat, dass selbst der Comedian auf der Bühne nervös jede Reaktion des Publikums abwartet. Denn Polak bricht in nur zwei Stunden mit so ziemlich jedem gängigen Tabu. Er, der Jude, Sohn eines Mannes, der das KZ überlebte, witzelt ungezwungen über den Holocaust, die Deutschen, jüdische Traditionen und ganz nebenbei auch noch über jede Minderheit, die ihm gerade einfällt.

Dabei will er selbst in so gar kein gängiges Klischee passen. Sein Bühnenoutfit: eine Ausgeburt an Bequemlichkeit. Jogginghose, ausgetretene Schuhe, Kapuzenpulli. Sein pechschwarzes Haar und sein Vollbart lassen ihn eher südländisch aussehen, sein nordischer Nörgel-Dialekt lässt ihn wie einen Hamburger auf Binnenurlaub klingen.

Das, was er zu sagen hat, ist nur geschönt als „politisch inkorrekt“ zu bezeichnen. Es ist das gewagte Spiel mit der Vergangenheit, mit einem Schuld-Komplex, den zumindest die jüngeren Besucher des Programms Jud süß-sauer nicht mehr kompromisslos annehmen wollen. Und trotzdem braucht es seine Zeit, bis das Publikum enthemmt lacht. Bis der Blick nicht mehr zum Nachbarn wandert, immer mit der unausgesprochenen Frage in den Augen: Darf der das?

von Marie Lisa Schulz