Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Dieb steckt 44 Parfümfläschchen ein
Marburg Dieb steckt 44 Parfümfläschchen ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:01 22.04.2018
Das Marburger Schöffengericht befasst sich mit dem Fall eines Drogenabhängigen, der seine Sucht durch den Diebstahl teurer Parfüms finanzierte. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Am vierten Verhandlungstag vor dem Marburger Gericht berichtete die Verkäuferin einer Drogerie in Marburg von einem missglückten Versuch des Beschuldigten, sich mit Dutzenden Flakons wortwörtlich die Taschen zu füllen.

Im Januar 2017 erwischte die Zeugin den Angeklagten, als der sich „richtig viel Parfüm unter seine Jacke stopfte – ich war ganz überrascht“. Sie folgte dem diebischen Kunden, dem auf seinem Weg durch den Laden immer wieder Fläschchen aus der vollgestopften Jacke fielen, „er konnte kaum noch laufen“, erzählte die Frau amüsiert. Als sie ihn dann ansprach, ergriff er sofort die Flucht, rannte durch das Geschäft in Richtung Ausgang. Sie hielt ihn auf, indem sie dem großgewachsenen Mann beherzt von hinten an der Jacke zog.

Dabei verletzte sie sich schmerzhaft am Finger, hatte jedoch Erfolg. Denn die gesamte Beute purzelte aus der Jacke hervor und verteilte sich auf dem Boden. Der Dieb floh auf die Straße, wurde später von der Polizei aufgegriffen.

Fast in allen Marburger Geschäften Hausverbot

Die zählte 44 Parfümflaschen, die der Mann laut Anklage versuchte, mitgehen zu lassen. Vor Gericht erkannte die Verkäuferin ihn als Täter wieder. Am ersten Verhandlungstag hatte der noch angedeutet, sich nicht mehr an diesen Tag erinnern zu können. Er entschuldigte sich dennoch bei der Zeugin: „Ich möchte mich entschuldigen wegen des Fingers, das war keine Absicht“, betonte der 37-Jährige ausgesucht höflich.

An anderen Tagen hatte er bei weiteren Diebstählen hingegen mehr Erfolg, ist in quasi allen Marburger Geschäften bekannt und hat fast überall Hausverbot, wie der Angeklagte selbst angab. Dutzende Vorwürfe aus den vergangenen drei Jahren sind in dem Prozess in 19 Anklageschriften zusammengefasst, darunter auch ein Raubdelikt, das der Mann abstreitet.

Laut Anklage soll er im Juli 2015 einem Passanten in der Innenstadt mit Gewalt das Handy gestohlen haben. Der mutmaßlich Geschädigte, ein brasilianischer Besucher, ist mittlerweile wieder in seinem Heimatland und nicht zu ermitteln. Bei seiner polizeilichen Aussage hatte er damals angegeben, dass ihn der fremde Mann erst aufdringlich angesprochen und dann „ungefragt begleitet hat, obwohl er das nicht wollte“, berichtete ein Polizist vor Gericht.

Demnach soll der Täter ihm von der Reitgasse bis in die Universitätsstraße hinterhergelaufen sein. Als der Brasilianer irgendwann das Handy aus der Tasche holte, soll der Angeklagte gefragt haben, ob er sich dieses kurz ausleihen könne.

Als der andere ablehnte, soll er den Geschädigten „ohne Vorwarnung“ heftig nach hinten gestoßen und das Telefon an sich genommen haben.

Nach der Flucht ging der Passant zur Polizei, identifizierte den Beschuldigten anhand verschiedener Fotos.

Im Kopf herrschte „ein großes schwarzes Loch“

Entsprechende Vergleichsbilder müssten dabei eigentlich sehr ähnliche Merkmale wie jene in der Täterbeschreibung aufweisen. Die richtigen Kriterien dazu bezweifelt jedoch Verteidiger Carsten Dalkowski. „Es fällt auf, dass sich die Männer auf allen Lichtbildern nicht sehr ähneln – die Beschreibung passt nur auf ihn“, kritisierte der Rechtsanwalt die Ermittlungen.

Darüber hinaus wurden einige Bekannte des Angeklagten aus dem Drogenmilieu vor Gericht gehört, die ähnliche Erinnerungslücken wie der Beschuldigte angaben. Dieser kann sich nach eigener Aussage nicht mehr an alle Vorwürfe erinnern. Befragt nach einem gemeinsamen Diebstahl eines Rucksacks, herrschte auch im Kopf eines Kumpels „ein großes schwarzes Loch“, teilte der Zeuge mit. Wie auch der Angeklagte nahm er an der Substitution für Süchtige teil, wurde dabei immer wieder rückfällig und beging Beschaffungstaten, um sich weitere Drogen zu finanzieren. Die vernebelten das Gehirn, „es gab einfach zu viel Alkohol und zu viele Drogen, ich kann dazu nichts sagen“.

Die langjährige Alkohol- und Drogenvergangenheit soll dem Angeklagten bei nahezu allen Taten anzumerken gewesen sein. Ein Polizist berichtete zu einem weiteren Diebstahlsdelikt von dessen auffälligem Verhalten, „er war hibbelig und nervös, stand sehr unter Strom“. Der Angeklagte ist seit Jahren polizeibekannt, gilt als Mehrfachintensivtäter und war zum Tatzeitpunkt drogenbedingt in einem „sehr schlechten Zustand, selbst für seine Verhältnisse“.

  • Der Prozess wird am Montag, 23. April, fortgesetzt.

von Ina Tannert