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Marburg Juul: Einstiegs- oder Ausstiegsdroge?
Marburg Juul: Einstiegs- oder Ausstiegsdroge?
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00:16 20.03.2019
Die E-Zigarette Juul, die optisch an einen USB-Stick erinnert, wird in den USA vor allem von Jugendlichen genutzt. Quelle: Magdalena Tröndle
Marburg

Yannik Naumann aus Cölbe-Schönstadt war im November im Urlaub in den USA. Dort sah er kaum Menschen, die Tabakzigaretten rauchten – dafür umso mehr mit der E-Zigarette Juul. Sie sieht aus wie ein USB-Stick und hat Geschmackrichtungen wie Apfel oder Minze. In den USA ist sie vor allem bei jungen Menschen beliebt. Dort sprach Scott Gottlieb von der US-Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) von einer „Epidemie“ unter Jugendlichen, die von der E-Zigarette ausgelöst worden sei.

Naumann, der den Hype mitbekam, probierte in seinem Urlaub die Juul aus und fand sie angenehm. Außerdem hatte er danach keine „Rauchfinger“, von denen er den Geruch kaum mehr wegbekam. Sein Lieblingsgeschmack ist Mango. Mittlerweile kann er die Zigaretten in Deutschland auch über einen Onlineshop bestellen, erzählt der 24-Jährige.

Tabakzigaretten raucht Naumann jetzt nur noch, wenn er ausgeht. Der 24-Jährige sieht Juul aber auch kritisch: „Das Problem ist, wenn man vorher nicht geraucht hat, dass das der schnellste und einfachste Einstieg ist.“ Die E-Zigarette riecht nicht nach Rauch, sondern nach ihrer Geschmacksrichtung. Deshalb sagt Naumann, erwische er sich selbst mittlerweile, dass er auch zu Hause oder im Auto rauche. Vorher habe er das nicht gemacht, generell nur ein bis zwei Päckchen in der Woche geraucht. Jetzt verdampfe er einen Aufsatz pro Woche, was ungefähr der gleichen Menge entspreche.

Im Vergleich zu anderen E-Zigaretten ist der Nikotingehalt in Juul besonders hoch: 20 Milligramm pro Milliliter. Das entspricht dem gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert. In den USA wird die E-Zigarette mit einem Gehalt von bis zu 59 Milligramm pro Milliliter verkauft. Auch deshalb steht sie dort so stark in der Kritik.

Wenig Forschung zu den Auswirkungen bei E-Zigaretten

Wie viel Nikotin im Vergleich zu Tabakzigaretten in den Körper aufgenommen wird, weiß man nicht, sagt Professor Claus Vogelmeier, Leiter der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie am Marburger Uni-Klinikum. Das hänge auch davon ab, wie man raucht, also wie sehr man inhaliert.

Generell gebe es bisher wenig Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen bei E-Zigaretten. Das liege unter anderem daran, dass es viele verschiedene Modelle gebe, was den Vergleich schwierig mache. „Das ist ein junges Thema, das erst seit zirka fünf Jahren angegangen wird“, sagt Vogelmeier. Bei Mäusen beispielsweise habe man festgestellt, dass auch E-Zigaretten bei ihnen zu einer Art Raucherlunge führten.

Weil die Substanzen in E-Zigaretten nicht verbrannt, sondern verdampft werden, gingen Experten von deutlich weniger Giftstoffen aus. „Trotzdem kann man da keine Entwarnung aussprechen“, so Vogelmeier. Yannik Naumann hofft, dass er mithilfe von Juul irgendwann ganz vom Rauchen weg kommt. Diese Hoffnung hat auch Wolfgang Nebel aus Neustadt-Mengsberg. Er raucht Juul seit rund zwei Monaten. Sie ist die erste E-Zigarette, die der 51-Jährige ausprobiert hat.

„Springst du mal auf den Zug auf“, habe er sich gedacht, als er Berichte über Juul hörte. Minze und Apfel sind seine Lieblingssorten. Den Konsum von Tabakzigaretten konnte Nebel durch Juul stark reduzieren, sagt er. Er findet sie handlich, außerdem sei sie etwas günstiger als Tabakzigaretten. Dass er nur fertige Aufsätze in die E-Zigarette stecken und kein Liquid nachfüllen muss, gefällt ihm außerdem. Damit er ganz von Nikotin wegkommt, bräuchte es aber auch Aufsätze mit geringerem Gehalt, sagt er.

Forderung: Geschmacksstoffe in E-Zigaretten verbieten

Britische Forscher haben in einer Studie Nikotin-Ersatzpräparate mit E-Zigaretten verglichen. Die Studie ist im Februar in der renommierten Zeitschrift „The New England Journal of Medicine“ erschienen. 18 Prozent der Probanden schafften es dank E-Zigarette, auf Tabak zu verzichten. In der Vergleichsgruppe, die die Entwöhnung mit Nikotin-Ersatzpräparaten versucht hat, lag die Anteil nur bei 9,9 Prozent.

Von ihnen haben nach einem Jahr lediglich noch 9 Prozent Nikotin-Ersatzpräparate genommen. Ganz anders sah es hingegen bei denen aus, die auf E-Zigaretten umstiegen: Nach einem Jahr rauchten noch immer 80 Prozent von ihnen. Deswegen müsse man sich ein festes Datum setzen, wann man auch mit der E-Zigarette aufhöre, sagt Vogelmeier.

Es gebe die Forderung, dass die Geschmacksstoffe in E-Zigaretten verboten werden, so der Mediziner. „Sie sind wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Jugendlichen so gerne dazu greifen“, sagt Vogelmeier mit Blick in die USA. Die Geschmacksstoffe sorgten für ein Risiko, dass Jugendliche angefixt werden und so den Einstieg in eine Suchtkarriere finden. „Nikotin hat ein unglaubliches Suchtpotenzial, ähnlich wie Heroin“, so Vogelmeier.

Im Vergleich zu vielen europäischen Nachbarländern wie beispielsweise Großbritannien und der Türkei gebe es in Deutschland kein generelles Rauchentwöhnungskonzept, keine speziellen Ambulanzen, wo Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten helfen. „Bei uns wird das Thema nicht so ernst genommen wie in anderen Ländern“, sagt Vogelmeier.

von Freya Altmüller