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Die magische Welt der Wildnis

"Der Hirtenjunge" von Andrea Camilleri Die magische Welt der Wildnis

Kein Krimi mit Commissario Montalbano, sondern die Geschichte eines Fischerjungen, der sein Glück in den Bergen findet. Andrea Camilleri erzählt einfühlsam vom harten Leben im tiefen Süden Italiens um 1900.

Marburg. Seine Heimatinsel Sizilien lässt ihn einfach nicht los. Der 1925 geborene italienische Autor Andrea Camilleri kann sich keinen anderen Schauplatz als die Mittelmeerinsel für seine Romane vorstellen. Dabei lebt er selbst seit vielen Jahren in Rom. Erst im Alter von über 70 Jahren, nach einer langen Karriere als Drehbuchautor und Regisseur, machten ihn seine Kriminalromane mit dem spröden Commissario Montalbano auch bei uns bekannt. Der Ermittler mit dem Hang zu gutem Essen habe ihm „auf geradezu beängstigende Weise wie eine Dampfwalze den Weg geebnet“, sagte Camilleri 2005 anlässlich seines 80. Geburtstags der Nachrichtenagentur dpa.

Auch sein neuer Roman „Der Hirtenjunge“ spielt selbstverständlich auf Sizilien, allerdings ist es kein Krimi, sondern die einfühlsam erzählte Geschichte eines Fischerjungen, der am Anfang des 20. Jahrhunderts in der für ihn fremden Umgebung der Berge sein Glück findet - als Ziegenhüter. Nicht Abenteuerlust, sondern die pure wirtschaftliche Not veranlasst den 14-jährigen Giurlà, sein Heimatdorf an der Küste zu verlassen und in die Berge zu gehen. Damit entgeht er dem Schicksal vieler Gleichaltriger, die in den Schwefelminen im Landesinneren für einen Hungerlohn schuften müssen.

Da hat es Giurlà besser getroffen: Er entdeckt die Schönheit der Natur, entwickelt sich zu einem stattlichen, aufgeweckten Burschen, macht erste sexuelle Erfahrungen mit Melkerinnen.

Camilleri entwirft aber keineswegs eine bukolische Idylle, sondern beschwört in einer klaren, poetischen Sprache die Armut und auch die kleinen Freuden der einfachen Menschen im immer noch feudal geprägten Sizilien um 1900. Auch Korruption ist auf der Tagesordnung, die Krake Mafia hat die Gesellschaft längst durchdrungen. Guirlà schafft es, den Verlockungen zu widerstehen, auch wenn es nur um ein paar Ziegen geht. Er bleibt loyal, und ihm wird die Ehre zuteil, die bildhübsche Tochter des allmächtigen Marchese kennenzulernen.

Camilleri hat sich für seinen kleinen Roman von Ovids „Metamorphosen“ inspirieren lassen. Die Übergänge zwischen Natur, Tieren und Menschen werden fließend, in der Wildnis der Berge gelten eigene Gesetze. Aus dieser magischen Welt wird sich Giurlà nicht mehr vertreiben lassen. Und eine Gefährtin für sein wildes Leben hat er am Ende auch gefunden.

Andrea Camilleri: „Der Hirtenjunge“, Kindler Verlag, 202 Seiten, 14,95 Euro.

von Johannes von der Gathen

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