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Die Weltkunst-Schau wird politisch

dOCUMENTA (13) Die Weltkunst-Schau wird politisch

In einer Woche beginnt die documenta (13) in Kassel. Von Mittwoch an dürfen Journalisten rein, ab Samstag strömen die Massen. Viele der 150 Künstler sind nahezu unbekannt - bis heute.

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documenta-Kunst? Ein riesiger Schrotthaufen türmt sich hinter den Gleisen des Kasseler Kulturbahnhofs auf. Es handelt sich mutmaßlich um eines der größten documenta-Kunstwerke. Was es darstellt und von wem es derzeit geschaffen wird, verrät die documenta-

Quelle: Uwe Zucchi

Kassel. Bald hat das Rätselraten ein Ende. Seit Wochen sind die Feuilletons und die Kunstmagazine voller Spekulationen. Wer ist dabei? Was ist zu sehen? Und vor allem: Was will uns das alles sagen? Eine Woche vor Eröffnung der documenta zeichnet sich - aller Geheimhaltung zum Trotz - nun recht klar ab, was die schätzungsweise 750000 Besucher im 13. Jahr der „Weltkunstschau“ erwartet.

In Stilrichtungen gesprochen sieht es so aus, als wären Konzeptkunst und Arte Povera stark vertreten - Kunst, bei der es mehr um die Idee als um das Endergebnis geht, und Kunst aus Alltagsmaterial. Was die Themen betrifft, scheinen Krieg und Zerstörung, Ernährung und Ökologie, Kapitalismuskritik und Feminismus großen Raum einzunehmen. Das bevorzugte Verfahren scheint Sammeln und Dokumentieren zu sein, vielleicht auch die politische Aktion - ein Bild an der Wand wird wohl eine Seltenheit bleiben.

Es könnte eine documenta des Dazwischen werden: Kaum einer der Künstler, die auf der unter der Hand kursierenden Teilnehmerliste stehen, lässt sich leicht beschreiben. Installationskünstler, Autor und Filmemacher, der auch politisch aktiv ist, mit arabischen Wurzeln, US-Pass und Wohnsitz in Berlin - so in der Art würden sich die meisten Kurzfassungen lesen. Das passt zum Kunstbegriff der künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, für den „weit gefasst“ ein zu enger Begriff wäre.

Es könnte auch eine documenta des Darüberhinaus werden: Nicht nur Künstler hat Christov-Bakargiev eingeladen, sondern auch Schriftsteller, Politiker und Wissenschaftler. Nicht nur Lebende sollen dabei sein, sondern auch Tote. Nicht nur in Kassel soll die documenta (13) stattfinden, sondern auch an vielen anderen Orten, zum Beispiel in Kabul. Schon wird gewitzelt, Christov-Bakargiev wolle die Kunst auch am Hindukusch verteidigen.

Die Frau mit der wirren Lockenpracht ist eine Meisterin darin, Dinge in der Schwebe zu halten. Sie spricht viel und gern, sagt aber wenig Konkretes. In einer manifestartigen Schrift von Anfang Mai beschrieb sie ihr Kunstverständnis so: „Die documenta (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen.“

Ob dies eine Mammut-Schau trägt, auf der weit über 150 Künstler aus 55 Ländern 100 Tage lang ihre Positionen artikulieren dürfen, wird sich zeigen. Im schlechtesten Fall versteht man die Kunstwerke nur, wenn man die Geschichte hinter dem kennt, was zu sehen ist. Im besten Fall ist das alles so neu und überraschend, dass man verändert nach Hause fährt statt nur abzuhaken, was man schon kennt. Der Südafrikaner William Kentridge - einer der wenigen bekannten Namen dieser documenta - kennt selbst kaum einen seiner Mit-Aussteller. Er habe Carolyn Christov-Bakargiev gefragt: „Wer sind eigentlich all diese Künstler, 90 Prozent der Namen habe ich noch nie gehört!“, berichtete er dem Kunstmagazin „art“ und erklärte zugleich: „Ich finde das fantastisch.“

„Jede Zeit hat die documenta, die sie verdient“, schrieb der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss in einem Gastbeitrag für das Kunstmagazin „monopol“: handfest 1992, intellektuell 1997, politisch 2002, spektakulär 2007. Und 2012? „Hat sich die Weltkunstschau nicht überlebt?“, hatte „monopol“ Wyss gefragt. Keinesfalls, antwortet der: „Wir brauchen internationale Kunstausstellungen als Laboratorien des kreativen Dilettantismus.“

von Sandra Trauner

Dokumente zur documenta

Am 9. Juni beginnt die 13. documenta. Seit 1955 gibt es die documenta. Die früher alle vier, seit 1972 alle fünf Jahre stattfindende Schau gilt als weltweit wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Die documenta (13) in Zahlen:

Dauer: 100 Tage, bis 16. September.

Teilnehmer: mehr als 150 Künstler aus 55 Ländern.

Besucher: Viele. Vor fünf Jahren kamen rund 750.000.

Etat: 24,6 Millionen Euro.

Orte: Hauptveranstaltungsorte sind Fridericianum, documenta-Halle, Neue Galerie, Orangerie und der Karlsaue-Park sowie zahlreiche weitere Orte, auch außerhalb Kassels.

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr

Preise: Tageskarte 20 Euro (ermäßigt 14 Euro), Dauerkarte 100 Euro (ermäßigt 70 Euro), Familientageskarte für bis zu zwei Erwachsene und drei Kinder 50 Euro.

Die Schriftenreihe „100 Notizen – 100 Gedanken“ ist im Hatje Cantz Verlag erschienen. Von Carolyn Christov-Bakargiev stammen Heft 3 (8 Euro) sowie auch Heft 40 (6 Euro). Weitere Publikationen: „Das Buch der Bücher“ mit Abbildungen und Aufsätzen, „Das Logbuch“ über die Entstehung der documenta und „Das Begleitbuch“.

Standpunkt der documenta 13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev: „Mich interessieren surrealistische Strategien einer künstlerischen Praxis und das Infragestellen der passiv hingenommenen Grenzen menschlichen Handelns.“ Sie will keine Menschendarstellungen bei der documenta (13).

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