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Die Verwandlungskraft der Kunst

Documenta Die Verwandlungskraft der Kunst

Nachdem sich Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der documenta 13, gleich mit beiden christlichen Großkirchen angelegt hat, kann man davon ausgehen, dass die kommende documenta wohl eine Glaubensangelegenheit wird.

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Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin der documenta, lächelt mit ihrer Malteserhündin Darsi auf dem Arm. Sie bringt ein Wahlrecht für Tiere und Pflanzen ins Gespräch.

Quelle: Uwe Zucchi

Kassel. Welchen Grundsätzen folgt die Chefin der in wenigen Tagen in Kassel eröffnenden Weltkunstschau? Wofür macht sie sich stark? Und wogegen kämpft die temperamentvolle Italoamerikanerin?

Die Weltkunstschau lässt auf etwa eine Dreiviertelmillion Besucher hoffen. Das brachte Veranstalter auf die Idee, parallel zur documenta eigene Ausstellungen zu zeigen. Sie gerieten aber in Konflikt mit Christov-Bakargiev, die „Verwechslungsgefahr“ mit der documenta befürchtete. Eine Präsentation der evangelischen Kirche mit Werken von Gregor Schneider, dem Gewinner des Goldenen Löwen der Venedig-Biennale 2001, verhinderte die documenta. Schneider will nun aber doch vor der Karlskirche Bauschutt aus dem Ganges ausstellen, wie er in einem Interview ankündigte. Sein Kollege Stephan Balkenhol hievte kürzlich trotz Protestes der documenta-Führung ein hölzernes Männchen in den Turm der katholischen Sankt Elisabeth Kirche auf dem Friedrichsplatz.

Die Ablehnung der Balkenhol-Figur begründete die documenta-Chefin sinngemäß so: Die documenta soll frei sein von figürlichen Präsentationen des Menschen. Das erinnert an das biblische Bilderverbot, Exodus 20: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“ Dieses war gemünzt auf den Götzenkult. Die Motivation der documenta-Verbots menschlicher Bilder ist unklar. Einen Anhaltspunkt aber gibt Christov-Bakargiev in einem vorab veröffentlichten Heft der documenta Schriftenreihe „100 Notes - 100 Thoughts“. Dort spricht sie sich für eine „entanthropozentrierte kulturelle Praxis“ aus. Salopp gesagt: Der Mensch soll sich mal nicht so wichtig nehmen.

Die Grenzen menschlichen Handelns

Im Mittelpunkt der documenta 13 stehen Dinge. Und mindestens so wichtig wie die Kunst ist der documenta-Leiterin die Natur. Entsprechend knüpfen documenta-13-Künstler mit zahlreichen nachhalti­gen Kunstwerken an Joseph Beuys legendäre Eichenpflanzaktion 1982 bei der 7. documenta an. Vor der Orangerie in der Karlsaue schüttet der chinesische Teilnehmer Song Dong einen tonnenschweren Erd- und Müllhaufen auf und bepflanzt ihn. Auf dem Friedrichsplatz, wo vor fünf Jahren eine Mohnwiese nicht recht blühen wollte, legt die Künstlerin Kristina Buch einen Schmetterlingsgarten an. Und sogar ein tonnenschwerer Meteorit sollte angeblich nach Kassel geschafft werden, was aber nicht glückte.

Ein Müllhaufen verwandelt sich in eine Stück Stadtgrün - in einem ihrer veröffentlichten Notizbücher, die als „Briefe an einen Freund“ abgefasst sind, spricht Christov-Bakargiev von der wunderbaren Verwandlungskraft der Kunst. Die Kunsthistorikerin, die 2008 die Sidney-Biennale erfolgreich leitete, vergleicht Künstler mit Alchemisten. „Künstlerische Praxis“, schreibt sie, könne zu einer Verwandlung des Ichs und der Welt beitragen. Kunst könne eine „heilende und regenerierende“ Wirkung entfalten.

Die seit 1955 stattfindende documenta habe in Deutschland mitgeholfen, das Weltkriegstrauma zu überwinden, mit Kunst „im Sinne einer allge­mein gültigen internationalen Sprache und eines Universums gemeinsamer Ideale und Hoffnungen“. Auf ihren Forschungsreisen untersuchte die documenta-Chefin, welche Wirkung Kunst heute in Afghanistan oder in den Palästinensergebieten haben könnte. Künstler aus diesen Gebieten nehmen an der documenta 13 teil.

„Mich interessieren surrealistische Strategien einer künstlerischen Praxis und das Infrage­stellen der passiv hingenommenen Grenzen menschlichen Handelns“, schreibt die documenta-Chefin, die sich als Feministin bezeichnet. Sie polemisiert gegen autoritäres Gebaren und hegemoniale Bestrebungen. „Die autoritäre Sprache ist unidirektional, sie zwingt sich auf. Wir streben nach einer Entwicklung gleichberechtig­terer Formen des Austausches und der Kommunikation“, schreibt sie. An der Grenze zur Nachbarschaft scheint allerdings der egalitäre Diskurs und die Toleranz der documenta zu enden, wie sich im Konflikt mit den beiden Kirchen zeigte.

n Die documenta 13 läuft von 9. Juni bis 16. September in Kassel.

von Johanna Di Blasi

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