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Die Seelenpein eines Feldherrn

Othello in Gießen Die Seelenpein eines Feldherrn

Regisseurin Karoline Behrens beschert dem Stadttheater Gießen mit ihrer „Othello“-Inszenierung einen Spielzeit-Start nach Maß.

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Das Ende eines Liebespaars: Othello (Roman Kurtz) tötet Desdemona (Anne-Elise Minetti).Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: rolf k. wegst

Gießen. Es sind die tiefsten menschlichen Abgründe, die seit letztem Wochenende im Stadttheater zu erleben sind. Doch halt, nicht falsch verstehen: Abgründig ist hier nicht als kritisches Urteil gemeint. Oder vielleicht doch.

Dann allerdings im Sinne von „absolut sehenswert“, denn in ihrer Inszenierung von „Othello“, die am Samstag Premiere hatte, hat Regisseurin Karoline Behrens die quälende Seelenpein des venezianischen Feldherren fein herausgearbeitet.

Von Anfang an wird deutlich, dass es Behrens in allererster Linie um Seelenzustände der Hauptfiguren geht. Vor puristischer, aber sehenswerter Kulisse von Lukas Noll, der im Wesentlichen eine erhöhte Rampe und ein mehrstufiges Podest vor farbigem Hintergrund geschaffen hat, rücken vor allem die Charaktere in den Blickpunkt.

Historisches Kolorit? Kriegsgerät? Das gibt es nicht in dieser Inszenierung, die mit einem hohen Maß an Abstraktion arbeitet.

Was übrigens sehr wohltuend ist, denn durch den sparsamen Einsatz von Requisite und die häufig als gehobene, in hell-dunklem Kontrast akzentuierte Alltagsgarderobe daherkommenden Kostüme von Anne Buffetrille wird der Blick ganz auf das Psychische gelenkt.

Das gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, mitzufiebern, wenn General Othello, den Roman Kurtz zu Beginn souverän und maßvoll emotional als militärischen Anführer und frisch gebackenen Ehemann spielte, zunehmend der Eifersucht verfällt. Verheiratet mit Desdemona (Anne-Elise Minetti) brechen die beiden zum Feldzug gegen die Türken nach Zypern auf.

Dort nimmt das Schicksal seinen Lauf, und die Eifersucht mordet am Ende die Liebe. Allerdings nicht von selbst: Der rachsüchtige Schurke Jago, den Vincenz Türpe spielt, sät die tödliche Zwietracht. Nach und nach zieht sich die Schlinge zu um die Liebenden - diesen Konflikt hat das gesamte Ensemble glänzend umgesetzt.

Allen voran Kurtz, der den Persönlichkeitswandel vom liebenswerten General zum wahnsinnigen und gewalttätigen Gatten erschreckend realistisch auf die Bühne bringt und in Minetti als zunehmend verzweifelter Desdemona genau die richtige Partnerin hat.

Dritter im Bunde ist Türpes Jago. Mal in Schlagworten gesprochen: Sarkastisch, nihilistisch, feindselig - Hut ab vor dieser unterschwelligen Bösartigkeit, die der Schauspieler gekonnt hinter Unschuldsmienen verbargt.

Flankiert wurde die gute Darstellung von psychedelisch anmutenden Sequenzen, in denen die Akteure vor buntem Schummerlicht wild durcheinander tanzten oder auch mal nur Laute von sich geben.

Noch zu Beginn wirkt das verstörend, doch im Gesamtkonzept der Inszenierung stellen sich diese Passagen als gelungene Zuspitzung von Emotion heraus, die großen Anteil daran hat, dass das Publikum Stück für Stück mit den Schauspielern in Othellos Alptraum schlittern kann.

Kurzum: Mit ihrer Inszenierung hat Behrens dem Stadttheater einen Spielzeitauftakt nach Maß beschert, der mit viel Beifall honoriert wurde.

Weitere Aufführungen finden am 8. und 22. September, am 4. und 28. Oktober, am 9. November und am 13. Dezember jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus statt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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