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Marburg Die Rückseite des Straßenlärms
Marburg Die Rückseite des Straßenlärms
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10:32 03.12.2009
Der Rosenhügel Bitternis von Bernard Schulze.

Marburg. In der Reihe der Promiführungen wählte die Vorsitzende des Freundeskreises des Botanischen Gartens kein klassisches Bäume- und Blumenbild, sondern ein Werk eines so genannten Informel-Künstlers, das jedoch in seiner Bonbonfarbenpracht an eine bunte Blumenwiese erinnert. Der Begriff "Informel" meint formlose, nicht-geometrische Kunst, die erstmals 1945/46 in einer Pariser Galerie ausgestellt wurde, berichtete Museumsdirektorin Dr. Agnes Tieze. Im Informel steht der Prozess des Malens und weniger das konkretes Motiv im Vordergrund. Neben der Malfarbe nahm Schultze unter anderem auch Gips, Sand und Leinen in seine Bilder mit auf, setzte dicke Farbmassen ein und dünnflüssige Lasuren und kombinierte sie mit Holz, Stroh, Pappe und Stoff.Seine Bilder werden reliefartig. Nach den Erlebnisses des 2. Weltkriegs stagnierte die Kunstszene, mit dem Informel fanden Künstler eine neue Sprache, mit der sie die neue Freiheit demonstrierten. Auch Schultze prägte das Gefühl der Verlorenheit in der Gesellschaft, sagte Agnes Tieze. Er habe mit seinen Bildern den Weg aus den Ängsten und Zufälligkeiten des Lebens gesucht. Die ducumenta II legte 1959 den Schwerpunkt auf die informelle Malerei, damals war die aktive Zeit der Informel-Künstler jedoch schon vorbei. Schultze wurde am 31. Mai 1915 in Schneidemühl in Westpreußen geboren. Als er sieben war, zog die Familie nach Berlin. Sein Vater war Landgerichtsrat. Nach dem Abitur studierte Bernard Schultze an den Kunsthochschulen in Berlin und Düsseldorf, malt und zeichnet surreal. Er muss in den Krieg, 1945 verbrennen in Berlin bei einem Bombenangriff alle seine bisherigen Werke. Das habe er rückblickend als Segen empfunden, berichtet Elisabeth Bohl. Nach dem Krieg lebt er in Paris und Frankfurt und entwickelt seinen ureigenen Stil. 1968 geht er nach Köln, wo er 2005 fast neunzigjährig an einer Lungenentzündung stirbt. Elisabeth Bohl wählte mit "Der Rosenhügel Bitternis" eines der heitersten Bilder Schultzes aus, eigentlich ein untypisches Bild, denn der Künstler zeigte bei seinen anderen Arbeiten eher einen Hang zum Morbiden, Düsteren. Seine filigranen, labyrinth-artigen "Migof"-Skulpturen erinnern an die Plastinate von Gunther von Hagens und wirken eher abschreckend. Zeitweise nahm er für seine Collagen als Motiv Augen, Körperteile und botanische Elemente mit auf.Schon früh habe er seine Umwelt als furchtbares Chaos der Geräusche und des Menschengewimmels empfunden. Nur die Natur erschien ihm als angenehmes Chaos. Trotzdem lebte er immer mitten in Großstädten. Weil die Rückseite des Straßenlärms vielleicht die summende Stille ist", sagte Schultze einmal.Elisabeth Bohl mag beim "Rosenhügel Bitternis" die Vielfalt der Farben, sie wird an Wurzeln, Wald und andere Gewächse erinnert, entdeckt Fledermaus, Gorilla oder Gemse. Das sei ähnlich wie beim Wolkengucken in Kindertagen.
Zur nächsten Promiführung am Donnerstag, 3. Dezember, ab 18 Uhr wird der Landtagsabgeordnete Dr. Thomas Spies sein Lieblingsbild vorstellen.
von Christine Krauskopf

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