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Marburg „Die Perspektivlosigkeit ist weg“
Marburg „Die Perspektivlosigkeit ist weg“
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14:56 11.03.2018
Rudolf Friedrich (rechts) zeigte der damaligen Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) Ende August in der Marburger Bootswerft in Cölbe die Bearbeitung eines Baumstammes. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Wenn Rudolf Friedrich über seine Arbeit bei der Marburger Bootswerft spricht, gerät er ins Schwärmen. „Das ist die erste Stelle, wo ich mich richtig wohlfühle“, erzählt er. „Wir restaurieren Boote und Kanus. Das macht Spaß, wenn man den Unterschied sieht, wie die Boote dort reingehen und wie sie wieder rauskommen.“

Unter anderem hat die Bootswerft einen alten Fischkutter zum Flussschiff „Elisabeth“ umgerüstet. „Die Perspektivlosigkeit, die uns im Nacken hängt, ist erst mal weg“, sagt Friedrich. „Und man hat einen geregelten Tagesablauf.“

Friedrich ist einer von rund 50 Menschen, die beim Verein „Arbeit und Bildung“ sowie dessen Tochterunternehmen über das Programm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ 20 bis 30 Stunden wöchentlich arbeiten – staatlich gefördert und für Mindestlohn. Bundesweit nehmen 20 000 Menschen an dem Sonderprogramm teil, das Interesse bei den Jobcentern war allerdings fünfmal so groß.

Ende des Jahres soll das Programm auslaufen. Falls es zur Neuauflage der Koalition kommt, will diese daraus aber ein Regelinstrument der Arbeitsmarktpolitik machen. Dadurch würden Langzeitarbeitslose einen Rechtsanspruch darauf bekommen.

„Ich werde 54 und habe zehn Jahre auf der Straße gelebt“, erzählt Friedrich. „Für mich ist der erste Arbeitsmarkt nicht mehr da.“ An Menschen wie ihn richtet sich das Programm: Arbeitslose, die sehr schlechte Jobchancen haben, weil zusätzliche Hürden hinzukommen. Manche haben psychische oder gesundheitliche Probleme, Behinderungen oder Suchterkrankungen.

"Man ist in der Hartz-IV-Mühle"

Oder sie sind alleinerziehend wie Melanie Lang, die in der Näherei der Bootswerft aus alten Segeln und Kinoplakaten Taschen und Mäppchen herstellt. „Ich war sehr lange zuhause, weil ich drei Kinder habe und von 2007 bis 2013 meine schwerkranke Mutter gepflegt habe“, erzählt Lang. Durch das Programm „Soziale Teilhabe“ konnte sie bei der Bootswerft zunächst mit 20 Stunden pro Woche anfangen, als ihre jüngste Tochter halbtags im Kindergarten war. Inzwischen arbeitet sie dort 30 Stunden. „Ich bin begeistert davon“, sagt sie.

Die gelernte Bürokauffrau Verena Hüttig arbeitet über das Programm „Soziale Teilhabe“ in der Verwaltung von Arbeit und Bildung. „Man hat einen höheren Verdienst und auf längere Sicht eine geregelte Arbeit“, beschreibt sie den Unterschied zu den anderen Arbeitsgelegenheiten, die Langzeitarbeitslosen normalerweise angeboten werden, wenn sie keine Stelle finden.

Durch den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde haben viele Teilnehmer inklusive Mietkostenzuschuss am Monatsende etwas mehr in der Tasche als bei Ein-Euro-Jobs. Zudem können die Teilnehmer drei Jahre lang bei Arbeit und Bildung arbeiten – Ein-Euro-Jobs laufen hingegen in der Regel nur ein halbes Jahr und werden dann bestenfalls auf ein Jahr verlängert.

Wer nach dem Ein-Euro-Job keine Stelle findet – und das ist die deutliche Mehrheit –, muss anschließend ein Jahr warten, bis ihm die nächste Arbeitsgelegenheit angeboten wird, erklärt Rainer Dolle, Geschäftsführer von Arbeit und Bildung. Das Sonderprogramm soll diesen Kreis durchbrechen, der für viele Betroffene belastend ist.

„Ich wurde von Maßnahme zu Maßnahme gereicht und habe nie ein Angebot für ein richtiges Arbeitsverhältnis bekommen“, sagt Christian Bader. „Man ist in der Hartz-IV-Mühle, dadurch verliert man die Perspektive.“ Ähnliche Erfahrungen hat auch die gelernte Bäckerei-Fachverkäuferin Walburga Mengel gemacht. „Ich hatte einen Unfall bei der Arbeit und war lange krank. Durch mein Handicap schaffe ich meinen früheren Job nicht mehr. Ich bin in einen Kurs nach dem anderen gesteckt worden“, erzählt Mengel.

„Allein schon diesen festen Job zu haben“ sei eine große Erleichterung für sie, sagt die 54-Jährige, die nun in der Näherei der Bootswerft arbeitet. „Das Selbstwertgefühl steigt“, pflichtet ihr Friedrich bei. „Wenn man nur sechs Monate da ist, kann man bei vielen Booten gar nicht das Endergebnis sehen.“

Bund gibt kein Geld für Betreuung der Teilnehmer

Dass die große Koalition diese Chance Langzeitarbeitslosen auch in Zukunft geben will, hat vielleicht auch etwas mit dem Besuch von Andrea Nahles Ende August zu tun. Nahles, die sich derzeit um den SPD-Vorsitz bewirbt, war damals noch Arbeitsministerin. Im Bundestagswahlkampf informierte sie sich in der Bootswerft und diskutierte mit Fachleuten über Arbeitsmarktpolitik.

„Ich will weg von den Sonderprogrammen“, versprach sie. Ob das maßgeblich Nahles’ Einfluss zuzuschreiben ist, weiß zwar niemand – fest steht aber: Im Koalitionsvertrag steht, dass es künftig ein Regelinstrument „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ geben soll – für bis zu 150 000 Teilnehmer. Der Bund soll dazu vier Milliarden Euro zur Verfügung stellen.

„Das ist etwas, das wir uns schon immer gewünscht haben in der Beschäftigungsförderung“, sagt Arbeit-und-Bildung-Geschäftsführer Dolle. Interessant ist aus seiner Sicht, wie der Rechtsanspruch für Langzeitarbeitslose ausgestaltet wird. Sie könnten einklagen, dass Jobcenter im Einzelfall begründen müssen, warum jemand diese Förderung nicht bekommt. Ob das am Ende dazu führt, dass mehr Arbeitslose eine solche Beschäftigung bekommen und damit auch mehr Geld benötigt wird – das ist vorerst unklar.

Eine Schwäche sieht Dolle allerdings in dem Programm: „Während wir bei Arbeitsgelegenheiten eine Trägerpauschale erhalten, bekommen wir hier kein Geld für Gespräche und Betreuung der Teilnehmer.“ Deshalb müssten die Träger, die ja gemeinnützige Organisationen seien und daher keinen Gewinn machen dürften, die Betreuung der Langzeitarbeitslosen im Prinzip quersubventionieren.

Aus Sicht der Teilnehmer lohnt sich das Programm jedenfalls. Walburga Mengel würde gerne noch länger als drei Jahre bleiben – was aber aus rechtlichen Gründen wohl nicht gehen wird. „Wenn man sich wohlfühlt, sollte man einen Job festhalten“, findet sie. Christian Bader sagt, er habe eine neue Perspektive bekommen: „Bei Bewerbungen erscheint es positiv, dass man drei Jahre gearbeitet hat. Ich kann mir vorstellen, weiter etwas in einem handwerklichen Beruf zu machen, zum Beispiel als Hausmeister.“

von Stefan Dietrich