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Marburg Die Furcht im Bannkreis der Macht
Marburg Die Furcht im Bannkreis der Macht
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20:37 11.09.2011
Macht und Unterwerfung: Elisabeth (Annette Müller) kniet vor ihrem Gemahl, König Philipp II. (Jürgen Helmut Keuchel). Quelle: Ramon Haindl

Marburg. 224 Jahre alt ist Schillers Versdrama „Don Karlos“. Am Vorabend der französischen Revolution geschrieben geht es auch um Gedankenfreiheit, um Gleichheit, um Freiheit. Ist das nicht erledigt, ist „Don Karlos“ von der Geschichte nicht längst überholt? Wie holt man ein solches Stück in die Gegenwart, ins 21. Jahrhundert, in eine Zeit, in der Netzwerke die Briefe ersetzen, die sich Schillers Figuren heimlich zustecken?

Die junge Regisseurin Roscha A. Säidow macht aus dem Schiller-Klassiker ein sehr dichtes, streng choreographiertes, gut zweieinhalbstündiges Kammerspiel. Sie steigt ein mit einem Paukenschlag: Nebel steigt auf, Donner hallen durch den Saal, Blitze erhellen die bis auf eine riesige Quarterpipe leere Bühne. Die Blitze spiegeln sich in den Scheinwerfern im Bühnenhimmel. Es gibt keine Kulissen, kaum Requisiten. Es gibt nur den großen kalten Raum für das Spiel um Macht, verschmähte und vergebliche Liebe, Intrigen und Unterwerfung. „Don Karlos“ ist ein Stück, in dem letztlich alle Gefangene sind, auch wenn der Kerker ein Palast ist – mit Ausnahme der Kirche, die keine Zweifel kennt, wenn es um die Deutungshoheit und den Machtanspruch geht.

Die offene Bühne ist gewollt. Sie steht für die Kälte des spanischen Hofes, in dem es keine Privatheit gibt, wo jeder jeden belauert. In der Stadthalle, ein ohnehin schwieriges Terrain, ist die offene Bühne aber auch ein Problem: Die Texte sind nicht immer gut zu verstehen, wenn die Darsteller in der Tiefe der Bühne agieren.

In starkem Kontrast zur leeren Bühne stehen die tollen Kostüme von Jelena Miletic, zugleich streng und verspielt. Bei ihr werden aus Schläuchen von Dunstabzugshauben barocke Halskrausen, Alba (Sebastian Muskalla) trägt ein Kampfmesser am Arm, Pater Domingo (Johannes Hubert) eine noch mächtigere Waffe – ein kleines Kreuz. Die beiden gehen auf in ihren Rollen – Muskalla als gewissenloser Schlächter, Hubert als infamer Intrigant.

Das zentrale und oft benutzte Requisit ist ein Mikrofon: Wie heutige Politiker, die an einem Mikrofon kaum vorbeigehen können, nutzen auch Säidows Protagonisten das Instrument, um sich ans Volk im Saal zu wenden.

Große, kalte Gesten prägen das Spiel der Darsteller. Sie symbolisieren das strenge Hofzeremoniell, dem jeder unterworfen ist. Sie buckeln, dienern, drohen, sie zittern – mit Ausnahme von Philipp II., als König von Spanien damals der mächtigste Herrscher der Welt. Der Despot ist die „menschlichste“ Figur, die Schiller in „Don Karlos“ geschaffen hat. Jürgen Helmut Keuchel spielt den alternden Herrscher souverän, auch dessen Ängste.

Macht macht einsam: Philipp weiß, dass er von Intriganten umgeben ist und sucht nach Wahrheit, nach einem Freund. So stößt er auf den Marquis von Posa (Tobias M. Walter), den Freund seines Sohnes Don Karlos. Posa ist Schillers Sprachrohr, ein Idealist, der nicht Fürstendiener sein will, der hofft, dass Don Karlos die mit Blut getränkten Niederlande befreit.

Doch dieser Don Karlos liebt seine Stiefmutter Elisabeth, die Annette Müller mit der steifen Anmut einer Flamenco-Tänzerin spielt. Beide wissen: Es ist Hochverrat, und Elisabeth weiß: dieser Don Karlos kann sich nicht beherrschen.

„Sei ein Mann“, fordert Posa in seiner Todesstunde von seinem Freund, für den er sich opfert. Ausgerechnet Don Karlos. Sven Mattke spielt ihn als übernervösen Jüngling, als wankelmütiges Weichei, würde man heute sagen. Permanent nestelt er an seiner Hose. Die Aussage ist klar: Nicht einmal die passt ihm.

Am Ende siegen die Intriganten: Die verschmähte, rachsüchtige Fürstin von Eboli (großartig: Franziska Knetsch) wird aus dem Weg geräumt und Christine Reinhardt hat einen großen, gruseligen Auftritt als Großinquisitor: Im leuchtend roten Umhang mit roten Stöckelschuhen wirkt sie geradezu teuflisch. Dieser Kirche muss sich selbst Philipp beugen.

„Don Karlos“ ist am morgigen Dienstag sowie am 16. und 30. September ab 19.30 Uhr in der Stadthalle zu sehen.

von Uwe Badouin