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Marburg „Die Akte Pilgrimstein“ bleibt geöffnet
Marburg „Die Akte Pilgrimstein“ bleibt geöffnet
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00:17 27.07.2018
Die Verkehrslage am Pilgrimstein ist seit Jahren Thema in der Stadt Marburg. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Die neue Unibibliothek steht, ein großer Teil des Pilgrimsteins hat sich in den vergangenen Monaten verändert, breitere Wege, mehr Fuß- und Radverkehr – wie sieht es dort und anderswo mit den Verkehrsströmen aus? Darüber hat sich Marburgs bekanntester Radfahrer Gedanken gemacht.

Im Rahmen des Campus Firmanei wurden die Geh- und Radwege neu gestaltet, „die Situation auf den Bürgersteigen hat sich durchaus verbessert“, lobt Althaus und relativiert zugleich: „generell ist das Ganze aber ein Fehler in der städtischen Verkehrspolitik“.

Es wurden zwar jede Menge neue Fahrradstellplätze eingerichtet, im Zuge der neuen Unibibliothek jedoch keine Parkplätze für Autos. Dafür gibt es Pläne für die Erweiterung des Pilgrimstein-Parkhauses, zuletzt für bis zu 100 neue Stellplätze. „Unmöglich, das wäre ein Missbrauch von Fläche“, findet der überzeugte Radfahrer, der den städtischen Autoverkehr am liebsten stark ausdünnen und aus dem Pilgrimstein erst recht verbannen würde. „Den Ruf nach mehr Parkplätzen werde ich immer hinterfragen“, sagt Althaus.

Pilgrimstein „viel zu eng“ für alle Verkehrsteilnehmer

Er sieht rund um den Pilgrimstein keine Besserung in der Konkurrenzsituation zwischen Auto-, Fahrrad- und Fußverkehr. Dazu sei das Nadelöhr der Stadt „viel zu eng“.

Den Radverkehr in Marburg beurteilt er generell „immer noch als sehr gefährdet“ und kritisiert die Radverkehrsplanung der Stadt. Insbesondere die Struktur von Verkehrswegen und die Aufteilung von Auto-, Rad- und Fußgängerbereichen – etwa in der Leopold-Lucas-Straße oder am Wilhelmsplatz.

Einen Gefahrenschwerpunkt sieht er dort unter anderem bei den Abbiege-Spuren, ebenso am Rudolphsplatz, und generell in den Straßen „mit viel zu viel Autoverkehr“. Unter diesen stelle der Pilgrimstein „seit Jahren das große Thema“ dar, um das noch weiter gestritten werden wird. Mehrfach wurden dort die Fuß- und Radwege angepasst, Radler hätten mehr Platz als früher, dennoch sei die Strecke „nicht breit genug für alle“.

„Schutz der Schwachen in der Straßen-Hierarchie“

Althaus würde die Durchfahrt für den Autoverkehr am liebsten gleich ganz einstellen. Er befürwortet jene Pläne, die seit Jahren immer mal wieder thematisiert werden: die Sperrung des Pilgrimsteins für den Autoverkehr als „ein ganz klar verkehrsberuhigten Bereich“.

In dieser Version hätte nur noch der Anlieger-, Liefer- und Busverkehr freie Fahrt. Der Parkhaus-Zugang wäre nur noch von Süden über die Biegen- und Wolffstraße möglich und würde abgeleitet. Laut Althaus alleine schon aus dem Grund, Gefahren für „die Schwächsten in der Hierarchie der Straße, also Fußgänger und Radfahrer“ zu mindern, verweist er auf bundesweit mehr als 3 000 Verkehrstote im Jahr.

Hans-Horst Althaus kämpft für mehr Radverkehr. Foto: Ina Tannert

„Die Schwächsten sollten immer Vorrang haben“, sagt der Pfarrer. Die Starken wiederum, in diesem Fall die Autofahrer, müssten zurückstecken, Rücksicht zeigen, Platz machen. Als Platzhirsche im Verkehr ­etwa Umwege in Kauf nehmen, ­gerade beim Nadelöhr Pilgrimstein: „Umwege sind Autofahrern eher zuzumuten – für Fahrradfahrer wären die deutlich anstrengender“, erklärt Althaus.

Zudem sieht der 79-Jährige nicht nur eine bestehende Konkurrenz zwischen Rad- und Autoverkehr – sondern ebenso Reibungspunkte zwischen Fußgängern und Radlern. Wegstrecken für beide würde er in seiner ­Version zwecks Konfliktvermeidung ebenfalls eindeutiger trennen. Im Radverkehrsbeirat will er weiter ein Umdenken in der Verkehrspolitik anregen, „die Akte Pilgrimstein wird immer wieder Thema sein“, schätzt er.

von Ina Tannert