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Marburg Wenn Panik zur Krankheit wird
Marburg Wenn Panik zur Krankheit wird
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16:59 21.02.2018
Psychologin Kristina Spenner (links) und Psychiater Frank ­Dannhoff im OP-Gespräch. Durch ihre Arbeit in der Vitos-Klinik in Marburg sind die beiden Therapeuten erfahren in der Arbeit mit Angstpatienten. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Erst ist es die Angst vor der Prüfung, vor dem Gespräch mit dem Chef oder den Arbeitskollegen, die Angst vor Menschenmengen. Und dann macht die Angst sich irgendwann selbstständig, wird zum ständigen Begleiter. Sie macht, dass Betroffene ihre sozialen Kontakte aufgeben, Partnerschaften beenden, dass sie ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen oder ihr Studium nicht abschließen, dass sie sich nicht mehr trauen, allein einkaufen zu gehen. Die Angst kann dazu führen, dass Betroffene ­ihre Wohnung überhaupt nicht mehr verlassen.

Angstschübe, wenn gar keine Gefahr besteht

„Von einer Angststörung  spricht man, wenn die Angst unangemessen stark ist oder in Situationen entsteht, wo eigentlich gar keine Gefahr besteht“, sagt Psychologin Kristina Spenner, die in der Vitos-Tagesklinik in Marburg tätig ist. „Oft geht damit massive Angst vor Kontrollverlust einher, die Angst, nicht mehr Herr seiner selbst oder einer bestimmten Situation zu sein. Angst zu sterben. Oder die Angst, verrückt zu werden.“

Körperliche Symptome einer Panikattacke sind steigender Blutdruck, Schweißausbrüche, Schwindel- oder Erstickungsgefühle, Brustschmerz und Herzrasen – deshalb werden solche Attacken mitunter auch mit einem Herzinfarkt verwechselt. „Die Patienten verspüren  Todesangst. Es sind Symptome, die zu Fluchtsituationen gehören: Ich laufe lieber weg, bevor mir etwas passiert“, erklärt Frank Dannhoff, stellvertretender Klinikdirektor bei Vitos und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Solche Angstschübe dauerten mitunter minutenlang an und könnten sich mehrmals am Tag wiederholen. Betroffene steckten dann wie in einem Tunnel fest, könnten kaum auf ihr Umfeld reagieren.

Stress als Auslöser

Mehr als 300 000 Hessen wissen, wovon die Rede ist. So viele Menschen leiden hierzulande unter wiederkehrenden schweren Angst- oder Panikattacken. Dunkelziffer unbekannt. Die Zahl geht aus einer aktuellen Auswertung von ärztlichen Dia­gnosedaten der Barmer Ersatzkasse hervor. Demnach wurde eine Angststörung im Jahr 2016 bei 5,4 Prozent der hessischen Versicherten diagnostiziert.

Niemand sei davor gefeit, eine Angststörung zu entwickeln, sagt Dannhoff. „Die Belastungsgrenzen sind von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich, sie werden durch Genetik, durch soziales Erleben, durch die eigene Biografie bestimmt“, führt er aus. „Die einen haben ein dickes Fell, die anderen ein dünnes“, verdeutlicht Spenner.

Stress und belastende Lebenssituationen könnten ein Auslöser sein. Und auch Vorbilder seien entscheidend: Ob es da beispielsweise überängstliche Eltern gibt, die Gefahren überall sehen?

Konfrontation mit der Angst

In der Therapie geht es um die Konfrontation mit der Angst. „Jede Vermeidung, jeder Rückzug ins Schneckenhaus ist Futter für die Angststörung“, sagt Dannhoff. Die Therapeuten erarbeiten mit  Betroffenen die Situationen, die Panikattacken auslösen könnten. „Dabei können Patienten erleben, ich habe jetzt Angst, das Herz rast und der Blutdruck steigt, aber das macht nichts, das lässt auch wieder nach. Wenn Patienten das durchleben, haben sie eine bedeutsame Chance, die Angststörung längerfristig zu bewältigen“, sagt der Psychiater. Vorab werde geklärt, ob körperliche Ursachen zugrunde liegen.

Patienten kommt es zunächst absurd vor, bewusst die Erlebnisse zu suchen, die sie in Angst versetzen. Situationen, denen sie sonst gezielt aus dem Weg gehen. „Die Erfahrung ist aber, je öfter man angstauslösende Situationen aufsucht, umso flacher ist die Angstkurve“, sagt Spenner, „die Panik lässt mehr und mehr nach“.

Heilung ohne therapeutische Hilfe schwierig

Im vergangenen Jahr gab es in der Vitos-Klinik in Marburg etwa 350 Patienten, bei denen eine Angststörung diagnostiziert wurde. „Oft kommt noch mehr dazu, manche Angstpatienten leiden auch unter Depressionen, andere haben zusätzlich eine Suchterkrankung entwickelt“, sagt Dannhoff.

Die meisten Fälle von Angststörung werden allerdings nicht in Kliniken behandelt, sondern bei niedergelassenen Psychotherapeuten. In der Klinik gehe es vor allem um schwere Fälle, „wenn sich die Krankheit schon jahrelang chronifiziert hat“, sagt Dannhoff. „Ziel ist es dann, den Patienten erst mal zu stabilisieren.“

Eine Angststörung selbst zu überwinden, ohne therapeutische Hilfe, das könne in Einzelfällen „und bei viel Unterstützung durchs Umfeld“ vielleicht gelingen, sagt Dannhoff. Allerdings bräuchten Patienten, die schon seit Jahren unter einer Angststörung leiden, dringend therapeutische Unterstützung, „weil der Leidensdruck wirklich groß ist“, sagt Spenner.

Besserung manchmal schon binnen weniger Wochen

Angststörungen lassen sich erfolgreich behandeln. „Wenn ein Patient bereit ist und sich auf die Therapie einlässt, stellt sich oft zügig eine Verbesserung ein. Manchmal schon nach wenigen Wochen“, sagt die Psychologin.

Wichtiger Tipp für das Umfeld von Betroffenen: „Es hilft nicht, dem Patienten dauerhaft die Dinge abzunehmen, von denen er Angst hat“, hebt Dannhoff hervor und rät zu Ermutigung und Begleitung.
Angststörungen vorbeugen, geht das überhaupt? Ja, sagen die Therapeuten. Hilfreich sei alles, was der Gesundheit und Ausgeglichenheit gut tue. „Alles, was zur Entspannung beiträgt, alles, was für eine Balance zwischen Pflichterfüllung und positiven Erlebnissen für einen selbst sorgt“, fasst Dannhoff zusammen.

Soziale Kontakte helfen

Der Psychiater rät außerdem zu sozialen Kontakten. „Isolation verstärkt so ziemlich jede psychiatrische Erkrankung.“

Psychologin Spenner hebt die Rolle von Sport und Bewegung hervor. „Es ist wichtig, den Körper an seine Grenzen zu bringen. Denn oft interpretieren Angstpatienten normale Körpersignale als Gefahr. Sie sollen erleben, dass das Herz auch mal rasen darf, dass der Körper das aushält.“

von Carina Becker-Werner