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Marburg Türsteher-Prozess: Landgericht bestätigt Urteil
Marburg Türsteher-Prozess: Landgericht bestätigt Urteil
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09:00 08.03.2018
Im ehemaligen Desbarado gab es 2014 eine Massenschlägerei. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Das Urteil des Amtsgerichts sei gerechtfertigt. Dieses hatte den 48 Jahre alte Angeklagten aus Gießen wegen Körperverletzung und Beleidigung zu einer Geldstrafe von insgesamt 2.700 Euro verurteilt.

Wie bereits im ersten Prozess wurde die Hauptverhandlung durch Erinnerungslücken der Zeugen erschwert. Ebenso­ durch nicht miteinander vereinbare Aussagen. Als glaubhaft werteten Staatsanwaltschaft und Kammer die wenigen als neutral geltenden und unbeteiligten Beobachter der Massenschlägerei. Die begann im Oktober 2014 am Tisch einer Gästegruppe, nachdem zwei Security-Kräfte einen Gast hinauswerfen wollten. Der junge Mann soll von Unbekannten, am Boden liegend, geschlagen und getreten worden sein. Seine Freundin, heute Ehefrau, und deren Bruder mischten sich ein. Beide gerieten mit dem angeklagten Ordner aneinander.

Ausschlaggebend für den Prozess war jedoch die darauf folgende Situation auf dem Flur Richtung Ausgang. Dort soll der Beschuldigte die Geschwister ins Gesicht geschlagen haben. Der Bruder erlitt eine Nasenbeinfraktur. Die Verteidigung widersprach der Anklage, ging dabei von einem zusammenhängenden Tatgeschehen in der aufgeheizten Situation aus, während der sich ein Pulk aus Beteiligten aus dem Lounge-Bereich der Bar in Richtung Ausgang schob.

Anwalt fordert Freispruch

Laut dem Angeklagten habe das Geschwisterpaar ihn angegriffen, die Frau mehrmals zugeschlagen. Mehrere Zeugen hatten während der Verhandlung von einem aggressiven Verhalten der geschädigten Frau berichtet, die „kampferprobt“ wirkte und selbst die Fäuste eingesetzt haben soll. Selbst wenn der Beschuldigte zurückgeschlagen hatte, habe er „in Notwehr“ gehandelt, betonte Verteidiger Björn Weil, der auf Freispruch plädierte. Nach Überzeugung von Staatsanwältin Janina Pristl war der Angeklagte der aktive Part, die eigentliche Auseinandersetzung zu diesem Zeitpunkt außerdem bereits vorbei, die aggressive Situation quasi abgekühlt. Dennoch habe der Beschuldigte „aus dem Nichts zugeschlagen“, ohne sich in einer Notwehr-Situation befunden zu haben. Dieser Version schloss sich die Kammer an.

Das vorangehende Geschehen war demnach „im Wesentlichen abgeschlossen“, der Angeklagte hätte keinen Grund gehabt, sich verteidigen zu müssen, sagte Richter Christ. Dennoch habe er zugeschlagen, „vielleicht aus Ärger oder aus Rache“. Auch dass der Mann am Ende der Frau noch wüste Beleidigungen hinterher rief, davon war die Kammer überzeugt. Dem widersprechende Zeugenaussagen wertete das Gericht als unglaubhaft, ob aus Erinnerungslücken heraus entstanden oder als gezielte Lügen. Ebenfalls habe sich der Angeklagte in Widersprüche und „fragwürdige Aussagen“ verstrickt. So hatte er den Bruder der Frau als stark betrunkenen, aggressiven Gast beschrieben, der ihn unvermittelt angegriffen haben soll, was kein anderer Zeuge bestätigen konnte. Mehrere Beobachter hatten­ dagegen die Beleidigungen auf der Straße mitbekommen, was an der Glaubwürdigkeit des ­Angeklagten kratzte.

Ungeklärt bleibt am Ende die Identität des mutmaßlichen ­Aggressors, ein angeblicher Ex-Mitarbeiter, der die Massenschlägerei ausgelöst haben soll. Ebenso verworren erscheint der Verbleib eines ominösen Überwachungsvideos, das die Schlägerei zeigen soll und den Angeklagten entlastet hätte. Gegen das Urteil besteht noch das Rechtsmittel der Revision.

von Ina Tannert