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Der postmortale Klugscheißer

Vortrag Der postmortale Klugscheißer

Seine Vorträge faszinieren und schockieren gleichermaßen. Der Kriminalbiologe Mark Benecke sprach am Donnerstag in der Stadthalle über Maden, Leichen und das kriechende Leben nach dem Tod.

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Mark Benecke ist in erster Linie Kriminalbiologe. Sein Talent, eklig-faszinierende Tatsachen in einen unterhaltsamen Vortrag zu kleiden, machte ihn berühmt.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. „Ich war in der Schule der, mit der dicken Brille, der, den niemand mochte“, witzelt Kriminalbiologe Benecke zu Beginn des Vortrages „Das Weichei, der Biologe.“ Ein Weichei, das ist der Mann mit dem kahl rasierten Schädel und den vielen Tattoos sicher nicht. Kann er gar nicht sein. Darf er auch nicht. Denn sein Beruf fordert von ihm routinierte Professionalität, gepaart mit einer Portion Abgebrühtheit. Benecke ist Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie. Der Tod ist sein Beruf. Oder besser gesagt: Das Leben danach.

Denn er wird immer dann als Sachverständiger herangezogen, wenn es darum geht, biologische Spuren bei Gewaltverbrechen mit Todesfolgen auszuwerten. So kann er beispielsweise anhand der Insekten oder Maden, die sich auf oder in einer Leiche befinden, die Liegezeit des Körpers feststellen.

Aus dem jungen mit den dicken Brillengläsern ist ein Mann geworden, der sich heute einer großen Beliebtheit erfreut, auch wenn er manchmal, beispielsweise von Beamten, nach einem Leichenfund als „postmortaler Klugscheißer“ bezeichnet wird.

Die Stadthalle am Donnerstagabend ist brechend voll. Alle sind sie gekommen, um dem Vortrag des Madendoktors zu lauschen. Bei so manchen Bildern, die er den Zuschauern zeigt, werden die Gesichter in einem akuten Anfall von Ekel verzogen, doch „diese Tiere, die sich an den Toten nähren, sind meine Assistenten“, sagt Benecke. Vor allem die Maden sind sein Spezialgebiet. Wird er zu einer Leiche gerufen, kann er aufgrund der vorhandenen Maden und deren Entwicklung die Leichenliegezeit untersuchen. „Der kriminalistische Hintergrund interessiert mich nicht. Ich sortiere lediglich die Spuren, sodass es den Ermittlern etwas nützt“, sagt er weiter. Seine Arbeit diene lediglich der Aussagenüberprüfung.

Benecke zeigt ein Bild einer Leiche, an der die Maden lediglich ein Auge bevölkern, während das andere scheinbar unberührt ist. „Denken Sie nicht wie ein Erwachsener, denken Sie wie ein Kind. Warum sind die Maden nur an dem einen Auge?“ fragt er. „Weil sie das andere Auge bereits aufgefressen haben“, ruft ein Zuhörer. Recht hat er. „Maden meiden Licht und Trockenheit. Sie suchen sich Plätze, wo es dunkel und feucht ist“, erklärt Benecke.

Benecke hat im Laufe seiner Karriere schon bei zahlreichen Fällen den polizeilichen Ermittlungen gedient und dazu beigetragen, Morde aufzuklären. Er ist studierter Biologe, Zoologe und Psychologe und hat diverse polizeitechnische Ausbildungen im Bereich der Rechtsmedizin absolviert. Außerdem ist er als Ausbilder an deutschen Polizeischulen tätig und unter anderem in den Vereinigten Staaten als Gastdozent sehr gefragt.

Sein Vortrag: Spannend, informativ und erschreckend zugleich. Beim nächsten „Tatort“ wird der ein oder andere sich sicherlich die Leiche etwas genauer anschauen und nach Maden oder anderen Kriechtieren suchen. Denn, soviel haben alle Anwesenden gelernt: Manchmal bringen kleine Tierchen die Wahrheit ans Licht.

von Julia Wolf

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