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Der nette Poetry-Slammer von nebenan

Poetry-Slam Der nette Poetry-Slammer von nebenan

Ein Känguru füllt das KFZ bis auf den letzten Platz – und das gleich zweimal an einem Abend. Freitagabend gab sich dort der Deutsche Poetry-Slam-Meister Marc-Uwe Kling die Ehre.

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Marc-Uwe Kling braucht nicht viel für seine Show: eine Kaffeetasse, sein ziemlich verrücktes Buch „Das Känguru-Manifest“ und eine Gitarre.

Quelle: Jan Bosch

Marburg. Marc-Uwe Kling wirkt unscheinbar, Kapuzenpulli, gepflegter Dreitagebart, Schlägermütze. Typ: der nette Geisteswissenschaftler von nebenan. Kling ist Autor, Kabarettist und Liedermacher und füllt den Saal des Marburger Kulturladens KFZ gleich bei zwei Vorstellungen an einem Abend bis auf den letzten Platz. Kling ist Deutscher Poetry-Slam-Meister, mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet, hat mehrfach versucht Philosophie zu studieren und diverse Kleinkunstpreise zieren sein Regal.

Der Plot ist einfach: Er, der Kleinkünstler, lebt mit einem besserwisserischen, kommunistischen Känguru zusammen, das ab und zu von der Polizei gesucht wird, gerne Schnapspralinen isst und ihn häufig in Schwierigkeiten bringt. Kling wirkt permanent unbeteiligt, wenn er und sein hüpfender Mitbewohner versuchen, Demokratie, Kapitalismus und die wunderbare Welt der Bürokratie in ihrem Alltag zu begreifen.

Mit gewaltigem Sarkasmus wird hier dem Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstleisters der Deutschen Bahn von einem Beuteltier ein ausschweifender, gar philosophischer Vortrag über Freundlichkeit, sowie Funktion und Wichtigkeit der Treppe am Bahnhof gehalten. Dieser versteht aber nur Selbigen und beharrt weiterhin hartnäckig auf seiner Vorschrift, dass man nicht auf der Treppe des Bahnhofes sitzen darf. Mit einem finalen Tritt zwischen die Beine des Aufpassers beendet der pelzige Revoluzzer die Diskussion.

Gelegentlich nuschelt Kling auch Lieder wie „Belästigen Sie mich nicht mit Ihrer Kreativität“ oder verspottet die Modeerscheinung des Headset-Telefonierens und begleitet sich dabei auf herrlich monotone Art auf der Gitarre – ein Stil, mit dem er den Anfängen der Hamburger Schule den Rang abläuft.

Ein Hobby des Kängurus ist es, Zitate falsch zuzuordnen: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht – Roland Koch“. Das Spiel mit Zitaten hat sich mittlerweile auf Klings Facebookseite verselbstständigt. Den Spruch: „Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig - Standard & Poor‘s“ lässt Kling das Tier gleich an die Fassade einer Bankfiliale sprühen.

Mit einer roten Farbdose ist das Känguru sowieso gerne unterwegs. Der australische Genosse zieht mit Vorliebe nachts durch die Straßen von Kreuzberg und korrigiert grammatikalisch und inhaltlich ausufernd die Graffitisprüche an den Hauswänden.

Dass da Konflikte mit ultrarechten Schlägertrupps nicht ausbleiben, ist klar, dass die Springerstiefelfraktion in Klings Geschichten dumm wie Brot ist und den wortgewaltigen Ausführungen des Beuteltiers nicht das geringste Quäntchen Intelligenz entgegenzusetzen hat, versteht sich von selbst.

Mit feiner Ironie und viel Sprachwitz füttert Kling sein Publikum über zwei Stunden mit köstlichstem Kabarett. Das Gute ist: Die Geschichte der Känguru-WG ist eine Trilogie!

von Jan Bosch

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