Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Der große Filz im Kuriositätenkabinett
Marburg Der große Filz im Kuriositätenkabinett
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:26 06.11.2011
Der Stadthauptmann (Sebastian Muskalla) ist verzweifelt. Jetzt mucken auch noch die Bürger (im Hintergrund) auf. Quelle: Ramon Haindl

Marburg. Irgendein Provinzkaff in Russland. Den Beamten geht es gut, so gut, dass sie ein kurioses Tänzchen wagen zu schräger Popmusik.

Sie haben sich arrangiert, miteinander, mit den Kaufleuten, mit den Bürgern. Eine Hand wäscht die andere. So war es schon immer, so soll es auch bleiben.

Doch dann versetzt ein Brief, den der Postdirektor (Sven Mattke) routinemäßig geöffnet und gelesen hat, die Beamtenschar in helle Panik: ein Revisor wird angekündigt, der all die kleinen und großen Schlampereien und Betrügereien aufdecken könnte.

Die Gutsbesitzer Bobtschinski (Jürgen Helmut Keuchel) und Dobtschinski (Tobias M. Walter) glauben, ihn im Gasthaus entdeckt zu haben. Dieser Chlestakow (Charles Toulouse), ein kleiner Beamter, der die Rechnung des Wirtes nicht bezahlen kann, weiß bald nicht, wie ihm geschieht.

Der panische Stadthauptmann (Sebastian Muskalla), der Kankenhausdirektor (Daniel Sempf), der Richter (Ogün Derendeli) und der Schulinspektor (Tobias M. Walter) setzen alles daran, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Sie mästen ihn mit Geld und sind froh, weil auch er ein kleiner Sünder zu sein scheint.

In seinem 1836 uraufgeführten „Revisor“ wollte Gogól, der selbst als kleiner Beamter gescheitert war, „alles Schlechte“ aus dem zaristischen Russland, des frühen 19. Jahrhunderts, „auf einem Haufen sammeln“ und „mit einem Mal verspotten“. Das ist ihm so gut gelungen, dass die konservativen Beamten Russlands, den selbst konservativen Gogól hartnäckig verfolgten und ins Ausland trieben.

Das Lachen sei die einzige ehrliche Persönlichkeit im „Revisor“, hat Gogól einmal gesagt. Lachen dürften auch die Besucher des Landestheaters.

Intendant Matthias Faltz setzt die Komödie nicht als stille Satire in Szene, sondern als laute, temporeiche Groteske – mit völlig überzeichneten, hässlichen Typen.

Ausstatterin Jelena Miletic bringt den Filz, der den Kosmos der Kleinstadt wie ein Geflecht durchzieht, auch optisch auf den Punkt: Die Männer stecken in grellbunten Filzanzügen, die Perücken mit wirren Haaren sind bewusst nicht kaschiert.

Auch das Bühnenbild von Petra Straß ist ein Dokument der allumfassenden Korruption: Nichts funktioniert. Der Wasserhahn tropft, Wanddekorationen führen ein Eigenleben, die Treppe bricht bei jeder kleinen Belastung.

Und das Ensemble darf nach Herzenslust überzeichnen. Je schriller die Figuren, desto besser. Die Darsteller haben sichtlich ihren Spaß daran, Dummköpfe zu spielen.

„Der Revisor“ ist am 12., 16. und 29. November jeweils ab 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof zu sehen.

von Uwe Badouin

Mehr lesen Sie am Montag in der Printausgabe der OP.

Anzeige