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Der freundliche Beat-Poet aus Frimley

Konzert Der freundliche Beat-Poet aus Frimley

Die Exaltiertheit seiner New-Wave-Tage hat John Watts abgelegt. Die Besucher des „Oxygen“ erlebten den „Fischer Z“-Sänger als Poeten und Songschreiber mit Hang zu fröhlichem Sarkasmus.

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John Watts hat wieder mal das richtige Blatt Papier gefunden – Momentaufnahme aus dem „Oxygen“.

Quelle: Veranstalter

Bad Endbach. Wie blickt der Mann da nur durch? Eher wie die Bude eines Soziologie-Langzeitstudenten sieht‘s aus auf der Bühne, doch inmitten dieses Durcheinanders findet John Watts dann doch immer noch die richtige Klarsichthülle, klatscht sie auf den Klappnotenständer, bittet um Licht und Ruhe und schiebt den Kapo auf die richtige Position auf dem Gitarrenhals.

Watts wollte bereits als Schüler Verse schmieden, und er hatte bereits damals jenen Dickschädel, der ihn unberührt lassen sollte von Moden und Mätzchen: „Ich hasste Englischunterricht, weil ich das Gefühl hatte, er würde meine Sprache versauen.“ Sprache ohne Jargon – diesem Credo blieb der Mann aus Frimley bei London auch treu, als der Punk für klinisch tot erklärt wurde und sich eine ganze Generation von Musikern neu ausrichten musste. „Fischer Z“ biederte sich weder bei der Arbeiterklasse an, noch versuchte die Band, sich in die Gehörgänge der Akademikerschichten zu schleimen. Und siehe da: Wenn „Red skies over paradise“ angezählt wurde, standen Punks neben Yuppies im Publikum. Im „Oxygen“ sitzt das Publikum in fast intimer Runde, und wer einen Abend mit „Fischer Z“-Unplugged-Charakter erwartet hat, ist vielleicht ein wenig enttäuscht.

Denn John Watts wechselt ständig zwischen Rezitation und Songs, und er ist mit seinem Biografen Armin Pongs unterwegs, der ebenfalls längere Passagen aus seinen Büchern vorträgt. Eher eine Lesung mit Musik als ein Konzert also ist der Abend im Bad Endbacher Club, und mehr als einmal muss Watts Konzentration einfordern. Doch der Diplompsychologe weiß auch, wie sich durch Interaktion die Anspannung brechen lässt: So holt er Zuschauer auf die Bühne, die er seine Gitarre bearbeiten lässt, während er passende Gedichte dazu sucht – und findet.

„Morethanmusic & Films“ ist der Titel von Watts‘ neuem Album. In Bad Endbach spielt er die Rohversionen einiger Songs, die im Studio aufwändige Bandarrangements verpasst bekamen. Eine bessere Werbung könnte ein Songschreiber vom Schlage John Watts‘ kaum machen für seine aktuelle CD: Mehr als seine markante, von dramaturgisch klug gesetzten Oktavwechseln geprägte Stimme, mehr als der Minimalismus von sechs Gitarrensaiten wäre fast zu viel, um den Barden Watts zu verstehen, in dessen Geschichten die Liebe ebenso ohne Jargon auskommt wie die Revolution.

von Carsten Beckmann

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