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Der documenta fehlt das überragende Werk

Besucherrekord bei Kunstschau Der documenta fehlt das überragende Werk

Als „phantastischer Kosmos“, „Bazaar Bizarre“ und „dogumenta“ ist die 13. Ausgabe der Kasseler Weltkunstschau bezeichnet worden. Am Sonntag geht sie zu Ende.

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Aus tausenden lebenden Bienen besteht der Kopf einer liegenden Skulptur des Künstlers Pierre Huyghe auf der documenta 13 in Kassel. Sie war das erklärte Lieblingswerk von documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev. Foto: Boris Roessler

Quelle: Boris Roessler

Kassel. Wohl nie zuvor war das Band dessen, was unter „Kunst“ lief, so ausgedehnt wie auf der am Sonntag zu Ende gehenden documenta 13. Carolyn Christov-Bakargiev, die italoamerikanische documenta-13-Leiterin und erklärte Feministin, weitete das Feld auf Meteoriten, Gender-Theorie, Quantenphysik und Hundebespaßung aus.

Am Ende aufregender hundert Tage, in denen Besucher in zunehmend längeren Schlangen vor Kunstattraktionen ausharrten, steht, wie bei den zwölf documentas zuvor, die Frage: Was bleibt? Was prägte sich ein? Gibt es ein ikonisches Werk der documenta 13, das man künftig automatisch mit der Weltkunstschau von 2012 verbinden wird? Ähnlich dem eingestürzten „Template“ von Ai Weiwei auf der documenta 12?

Die etwas ernüchternde Antwort muss wohl lauten: Die documenta 13 ist ein überragendes Kunstwerk schuldig geblieben. Im Eifer des Gleichsetzens - von Kassel und Kabul, von Natur und Kultur, von Mensch und Tier - waren auch die Werke von mehr als 200 Künstlern aus über 50 Nationen mehr oder weniger auf einem Erregungslevel angesiedelt.

So als sei Kurator der Schau eine demokratische Ausgleichbewegung gewesen, die letztlich keinem Künstler oder Werk erlaubte, lauter zu schreien als andere.

Freilich schälten sich einzelne Publikumslieblinge heraus. Allen voran William Kentridge. Vor dessen Raummaschine zum Thema Zeit im Kulturbahnhof, die filmische Animation und bewegte Objekte kongenial verband, standen Menschen zwei Stunden und länger Schlange.

Zweithöchstes Budget in der Ausstellungseschichte

Die erklärte Lieblingsarbeit der documenta-Chefin befand sich an einer sumpfigen Stelle der Karlsaue: Pierre Huyghes summendes Bienen-Biotop. Wie kein anderes verkörperte dieses Zwitterwerk Christov-Bakargievs Credo der fundamentalen Kreativität sowohl der Kultur als auch der Natur.

Gerade die 13. documenta war wieder ein Paradebeispiel für die Allzuständigkeit zeitgenössischer Künstler, ihr Selbstbild als Generalisten. Hochkarätige Malerei und Plastik, also Kunst im landläufigen Sinn, fand in Kassel hingegen gar nicht statt. Fast einhellig wurde die 13. documenta von Experten gelobt. Zu den wenigen Kritikern gehörte der Karlsruher Kunstprofessor und Autor („Tiefer hängen“) Wolfgang Ullrich. Er warf der documenta-Chefin Ironiefreiheit, Humorlosigkeit, Ideologielastigkeit und Zynismus vor und nannte die Schau „dümmste documenta aller Zeiten“.

Mit 24,6 Millionen Euro hatte die 13. documenta das zweithöchste Budget in der documenta-Geschichte. Abermals gab es einen deutlichen Anstieg bei den Übernachtungszahlen, gerade weil zunehmend mehr Kunstpilger aus aller Welt herbeiströmen, muss die documenta immer weiter wachsen. Über 1,5 Quadratkilometer erstreckte sich die Ausstellung diesmal und nahm damit mehr Raum ein als jede documenta davor. Vor fünf Jahren waren 750000 Menschen gekommen. Die diesjährige documenta wird am Sonntag mit wahrscheinlich mehr als 800000 Besuchern einen neuen Rekord bringen.

von Johanna de Blasi

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