Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Der alte Mann mit der Gitarre
Marburg Der alte Mann mit der Gitarre
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:51 18.03.2012
Glücklich: Liedermacher Hannes Wader hält die Gitarre in seinen Händen und badet im Applaus seiner Fans. Quelle: Manfred Schubert
Marburg

Aber was für ein Mann, was für eine Stimme und was für Lieder. Sein Bekanntestes sang der 69-jährige gleich zu Beginn: "Heute hier, morgen dort". Immer noch singt Hannes Wader klar und ausdrucksstark, voll und vielleicht reifer denn je klingt seine Stimme.

Und er kann unterhaltsam erzählen. Stoff hat er genug, seit über 40 Jahren steht er auf der Bühne. Oft berichtete er, während er seine Gitarren nachstimmte, von der Entstehung der Stücke oder von den Kollegen, von denen sie stammen oder denen er sie zugeeignet hat. Ganz nebenbei präsentierte Wader so seine Lebensgeschichte und Künstlerbiographie.

Zwei Lieder widmete er dem im November 2011 verstorbenen Franz Josef Degenhardt, den er mit dessen Kampfnamen "Karatsch" ansprach. In "Jeder Traum" hatte Degenhardt Verse des DDR-Dichters Louis Fürnberg vertont, "Alter Freund" hatte Wader nach seinem letzten Besuch bei Degenhardt geschrieben.

Mit dem Tod befasste sich Wader später nochmals, aber heiter-ironisch. "Wenn man die 70 erreicht, dann ist es Zeit, sich mit der Endlichkeit zu befassen", erklärte er, und - um dieser Pflicht zu genügen -, sang er "Schwestern, Brüder", zum Teil im englischen Original aus dem 19. Jahrhundert und klang dabei besonders kraftvoll.

Überhaupt war die Liedauswahl sehr ausgewogen. Von besinnlich über poetisch, heiter bis lustig und natürlich kritisch war die ganze Bandbreite des Waderschen Repertoires vertreten. Wie sein nach zehn Jahren in Berlin entstandenes Abschiedslied beispielsweise. Die Stadt habe ihn fast umgebracht, als Landei aus dem Teutoburger Wald habe er dem urbanen Tempo nichts entgegensetzen können. Die rund um die Uhr geöffneten Kneipen seien ihm nicht gut bekommen. Das Lied sei eher depressiv geworden, doch es sei für ihn kein Widerspruch, Spaß an einem depressiven Lied zu haben.

Neben dem wehmütigen Liebes-Chanson von Jacques Préverts "Les feuilles mortes", den er als "Die welken Blätter" übersetzt hatte präsentierte Wader ein ganz anderes Liebeslied als Teil der "Zwischenbilanz seines Lebens". Er habe nämlich einmal sein Verhältnis zu den Frauen aufarbeiten wollen, und sich, damit es nicht zu intim und persönlich werde, sich in einen Typen hineinversetzt, "der noch weniger Schlag bei Frauen hat als ich". Heraus kam das lustig-deftige Liedchen "Nah dran", das seinen Fans viel Spaß machte.

Mit der Antkriegshymne "Es ist an der Zeit", teils auf Englisch gesungen, entließ er das Publikum in die Pause. Als letztes Lied des Konzerts kündigte er "Trotz alledem" an, das in aktualisierter kapitalismuskritischer Version erklang.

Das Publikum, zu einem guten Teil aus der Generation 50 plus, aber auch sehr vielen jungen Menschen bestehend, jubelte dem Liedermacher geschlossen zu. Drei Zugaben folgten, darunter "Muss i denn", zum Teil in der von Elvis Presley gesungen Version, dem Wader klanglich erstaunlich nahe kam. Zum Schluss machte er dem Publikum einen Antrag: das letzte Lied gemeinsam zu singen. "Ade nun zur guten Nacht" erklang aus vielen Kehlen. Als sich danach die Zuschauer erhoben, um stehend zu applaudieren, war Wader schon hinter der Bühne verschwunden.

von Manfred Schubert