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Marburg Der Wutbürger aus Franken
Marburg Der Wutbürger aus Franken
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18:31 18.09.2016
Wut ist sein Markenzeichen: Nach wenigen Minuten ist Matthias Egersdörfer bei Windstärke 12 angelangt. Quelle: Benjamin Kaiser
Marburg

Wie ein laues Lüftchen geht es los. Matthias Egersdörfer, der auf der Bühne einen fast schon phlegmatischen Eindruck macht, sinniert nonchalant über Belanglosigkeiten. Aber wenn er gelassen mit fränkischem Dialekt daher redet, ist dies nur die Ruhe vor dem Verbal-Sturm, und 200 Zuschauer befinden sich im Auge des Sturms.

Schon nach fünf Minuten ist der 46-jährige Nürnberger bei Windstärke zwölf angelangt. Sein bevorzugter Gemütszustand auf der Bühne, und wenn der Orkan wirbelt, ist nichts und keiner mehr sicher.

Tobsucht zum Amüsement der Gäste. So macht der Klaus Kinski des deutschen Kabaretts mit seiner Lautstärke jedem altgedienten Marktschreier Konkurrenz. Ein Entkommen gibt es für‘s Publikum nicht. Journalisten, die fotografieren, Zuschauer, die verspätet in die Vorstellung kommen: Sie alle bekommen ihr Fett weg - und das nicht zu knapp.

So seziert Egersdörfer zunächst die soziale Zusammensetzung im Saal: „Hier vorne, natürlich rechts, sitzen die Nationalsozialisten, die sich zu Hause noch den Hitler-Bart über die Hasenscharte gestrichen haben.“

Die Wut als Therapie gegen die Frauen der Familie

Da bleibt das Lachen zwar manchmal im Halse stecken, aber wird kurz darauf doch freudig hinuntergeschluckt. Denn stumpf ist der Franke trotz Vulgarität nie. Hinten links hat der Franke die „Intelligenzija“ Marburgs ausgemacht, die sich für gewöhnlich mit Porträts auf dem Sender „3Sat“ die Freizeit versüßt.

Apropos Freizeit: Der Franke gibt Tipps, nach denen niemand gefragt hat, die niemand will, und die jeden Menschen früher oder später hinter Schloss und Riegel bringen. So beispielsweise das Klauen in Buchläden.

„Einfach die Lektüre in die Hand nehmen, so als ob Sie zum Laden gehören. Auf dem Weg raus der Kassiererin winken. Die hat auch ein wenig Aufmerksamkeit verdient“, rät er einer Zuschauerin in Reihe eins. „Nicht immer bis zum Nachmittag im Bett liegen und sich die Brustwarzen mit Himbeermarmelade einschmieren“, legt der Kabarettist nach. Die Zuschauerin verkriecht sich kichernd in ihrem Stuhl.

Eine Reise durch die Kindheit

Ein roter Faden ist in dem Gewirr von Beleidigungen des Publikums, pseudo-philosophischem Gefasel über Kaffee und psychedelischen Tagträumen von sizilianischen Einbrechern dann doch zu finden.

Das Programm „Vom Ding her“ klärt auf, wie Egersdörfer der geworden ist, der er ist. Die Reise führt durch die Kindheit des Franken. Leidgeprüft wächst er unter dem Joch von Mutter, Großmutter und den beiden „bösartigen Schwestern“ auf. Der Vater flüchtet sich in seinen Job und lässt den Sohn in der Höhle der Löwinnen.

„Die drei haben immer von Etage zu Etage geschrien. Das war der normale Umgangston“, erinnert sich der Kabarettist. Doch anscheinend ist eine weitere Frau nicht unbedingt die Lösung: „Meine Ehefrau ist 364 Tage im Jahr boshaft.“

Matthias Egersdörfer ist dies bei jedem Auftritt. Aber es macht Spaß.

von Benjamin Kaiser