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Marburg Wie Michael S. die Depression besiegte
Marburg Wie Michael S. die Depression besiegte
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16:01 26.05.2018
Vielen Menschen mit Depression gelingt es zum Beispiel nicht mehr, sich zu etwas aufzuraffen oder die Wohnung zu verlassen.  Soziale Kontakte, die eigentlich wichtig wären, brechen mitunter ab. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Er lacht. Er bringt andere zum Lachen und ist schlagfertig. Er wirkt wie ein gestandener Mann, den nichts so leicht umhauen kann. Wer Michael S.* kennenlernt, würde sicher nicht vermuten, dass der 55-Jährige auf eine etwa 40 Jahre andauernde Leidensgeschichte zurückblickt. Sein bisheriges Leben hatte zwar auch Höhen, aber ebenso reichlich Tiefen.

Zweimal war seine Depression so stark, dass er sich das Leben nehmen wollte. „Jeder Baum während einer Autofahrt wäre eine Möglichkeit gewesen“, erinnert sich Michael S. an seine selbstzerstörerischen Gedanken. „Die Suizidgedanken haben irre viel Kraft gekostet“, sagt er. Er habe sich gefühlt, als wäre er zwei Personen – immer hin- und hergerissen zwischen „Tue ich mir etwas an oder nicht“. Diese Gedanken begannen bereits morgens nach dem Aufwachen und verfolgten ihn bis abends vor dem Schlafen.

Probleme im vertrauten Umfeld

Sein psychisches Leiden suchte sich erstmals einen Ausdruck als Michael S. gerade mal 14 Jahre alt war. Er habe plötzlich heftige Gelenkschmerzen gehabt, für die keine körperliche Ursache gefunden wurde. Er führt das auf die Situation in seinem Elternhaus zurück. „Das war eine katastrophale Zumutung und ich hatte das Gefühl, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein.“ Sein Vater sei gewalttätig gewesen, von den Eltern fühlte er sich aufgrund seiner Legasthenie als blöd abgestempelt und unter den Geschwistern wie das fünfte Rad am Wagen.

Vieles kam zusammen und löste erste Depression aus

Erst als sich Michael S. von seinem Elternhaus gelöst, ein eigenes Haus gekauft und geheiratet hatte, schien es für ihn bergauf zu gehen. „Auf einmal waren die Gelenkschmerzen weg.“ Da war Michael S. 25 Jahre alt. Viele Jahre meisterte er vor allem auch berufliche Herausforderungen – Nachtarbeit, eine Umschulung, Überbelastung durch Personalmangel.

Doch der psychische Druck, dem er mindestens 16 Jahre lang ausgesetzt war, suchte sich ein Ventil. Letztendlich sei es die Situation mit seinem Chef gewesen, die seine erste Depression 2012 auslöste. Aufgrund der Unterdrückung, die er vonseiten seiner Eltern empfunden habe, habe er Angst vor Autoritäten gehabt, so auch vor seinem Chef.

Letzter Ausbruch von jetzt auf gleich

Michael S. erinnert sich daran, wie sich die Depression körperlich äußerte: „Ich ging nur die Treppe in meinem Haus hinunter und war schon schweißgebadet.“ Zu Hause hielt er es kaum noch aus, immerzu musste er sich ablenken. Die Depression hatte sich schleichend angebahnt. Probleme auf der Arbeit, in der Ehe, mit Nachbarn – vieles kam zusammen. Der zweite Depressionsausbruch 2015 sei dagegen „von jetzt auf gleich“ gekommen, in dem Moment, als sich seine Frau von ihm trennte. „Ich hatte das Gefühl, mir fliegt das ganze Leben um die Ohren.“

„Die große Kunst ist es, nicht den Mut zu verlieren“

Michael S. nennt Ursache und Auslöser, die seiner Einschätzung nach zum Ausbruch seiner Depressionen führten. Doch er sagt auch: „Es ist eigentlich egal, woher es kommt – es geht darum, wieder ins Laufen zu kommen. Und das geht nur, wenn man nicht zurückblickt, sondern nach vorn. Dabei ist die große Kunst, nicht den Mut zu verlieren.“

Michael S. suchte sich Hilfe, denn „aus dieser heftigen Sache holt sich wahrscheinlich­ niemand selbst raus“. Doch für den ersten Schritt aus der Depression musste er selbst tätig werden. Er ging zu seiner Hausärztin, nahm Termine bei einer Psychologin wahr und besuchte zweimal für mehrere Wochen ambulant eine ­Tagesklinik.

Wieder Café-Besuche und Ausflüge

Dabei wurde ihm bewusst wie wichtig es sei, aktiv zu bleiben und unter Leute zu kommen. „Ich hatte kaum noch soziale Kontakte“, berichtet der 55-Jährige. Auch aus diesem Grund besucht er unter anderem seit rund einem Jahr die Depressions-Selbsthilfegruppe in Marburg. Für ihn ist es entscheidend, dass er sich bei Menschen öffnet, welche ähnliche Probleme kennen wie er. Er selbst habe sich außerdem dazu gezwungen, das, was ihm früher Spaß gemacht hat, wieder zu tun – ­etwa in ein Café zu gehen oder einen Ausflug unternehmen.

Letztendlich kann Michael S. der Depression sogar etwas Positives abgewinnen. Nachdem er den ersten Ausbruch überstanden hatte war seine Angst vor Autoritäten weg. „Ich hatte das Gefühl, als ginge ich durch ein Nadelöhr und käme als Schmetterling wieder raus.“ Und wenn er jetzt auf sein Leben zurückblickt verspürt er eine Zufriedenheit darüber, wie alles gelaufen ist, und dass es ihm gelungen ist, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

* Der 55-Jährige möchte, dass sein Nachname anonym bleibt.

Hintergrund

Die Depressions-Selbsthilfegruppe trifft sich in der Regel montagabends in Marburg, Krummbogen 2, manchmal auch andernorts. Kontakt ist über die Selbsthilfekontaktstelle möglich, Biegenstraße 7 in Marburg,
Telefon 0 64 21 / 1 76 99-34 oder -36, E-Mail an info@selbsthilfe-marburg.de

von Simone Schwalm