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Marburg Der Mensch gegen die Wildnis
Marburg Der Mensch gegen die Wildnis
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18:34 11.04.2012
John Ottway (Liam Neeson) kämpft im Eis von Alaskas ums Überleben.Foto: Universum
Marburg

Der Beginn ist furios. Im Film „The Grey – Unter Wölfen“ wird in wenigen, prägnanten Szenen ein Ort am Ende der Welt skizziert: Eine Ölbohrstation in Alaska, von Schneestürmen umtost, von Outcasts bevölkert. Inmitten dieses wüsten Haufens von Säufern und Raufbolden ein stiller Mann, in sich gekehrt: John Ottway (Liam Neeson). Er hat die Aufgabe, seine Kollegen vor wilden Tieren zu schützen.

Als Erzähler hören wir Ottway einen Abschiedsbrief an seine verlorene Frau formulieren, Erinnerungsbilder blitzen auf. Dann kniet er allein im Schnee und schiebt sich den Gewehrlauf in den Mund. Doch ein Wolfsheulen hält ihn vom Suizid ab: Dort draußen wartet noch etwas auf ihn. Die Maschine, die die Männer beim Schichtwechsel zurück in die Zivilisation bringen soll, stürzt ab – in einer der packendsten Absturzsequenzen der Filmgeschichte.

Mit einer Handvoll Überlebender sitzt Ottway nun in der weißen Wüste fest, Hunger und Kälte ausgesetzt – und einem blutrünstigen Rudel Wölfe, das sie verfolgt und immer wieder überfällt. Hier zeigen sich die ersten Schwachpunkte von „The Grey – Unter Wölfen“. Denn von nun an wird vieles vorhersehbar, und die Handlung krankt zusehends an klischeehaften Elementen, die der Reihe nach durchdekliniert werden: Mensch versus Wildnis, Bestie versus Mensch, der wiederum die Bestie in sich selbst finden muss, um zu überleben. Auch die Konflikte und die Kameraderie der Männer entwickeln sich viel zu lange genau so, wie man es erwartet.

Zwar überzeugen die Kameraarbeit von Masanobu Takayanagi und die darstellerische Leistung Liam Neesons. Die Wölfe aber – sie sind ebenfalls Hauptfiguren – sind allzu dürftig gezeichnet. Auf gefletschte Zähne und im Dunkeln leuchtende Augen reduziert, verströmen sie in ihrer blanken Heimtücke den Charme von B-Film-Horror.

Erst gegen Ende, wenn von den Wölfen kaum noch etwas zu sehen ist, findet der Film wieder zu Momenten von hoher Konzentration und Kraft. Die größte Spannung entfaltet er nicht in seinen Actionszenen, sondern dann, wenn er ruhig und in langen Einstellungen von Angst und Entschlossenheit erzählt. So etwa gleich nach dem Flugzeugcrash, als Ottway einem Verblutenden in seinen letzten Minuten beisteht. Oder viel später, als schon vieles überstanden ist, einer der Männer aber seiner Erschöpfung nachgibt und nicht mehr von seinem Entschluss abzubringen ist, zurückzubleiben und zu sterben.

Das Aufbegehren gegen das Schicksal, die Angst und die Hingabe an das Unausweichliche rücken letztlich ins Zentrum des Films – und werden viel eindringlicher befragt als der Antagonismus von Mensch und bösem Wolf.

Der Film startet im Cineplex.

von Patrick Seyboth