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Marburg Der Krieg aus Sicht eines Kindes
Marburg Der Krieg aus Sicht eines Kindes
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17:47 30.05.2012
Aufmerksam lauschen die Schülerinnen und Schüler den Erinnerungen der 80-jährigen englischen Autorin Molly Bihet.Foto: Kristina Gerstenmaier
Marburg

Regina Schöpe-Hellwig, Abteilungsleiterin der Berufsfachschule für Fremdsprachensekretariat, hatte eine ungewöhnliche Autorin eingeladen. Die 80-jährige Molly Bihet hatte auf ihrer Heimatinsel Guernsey von 1940 bis 1945 als Kind fünf Jahre lang die Besatzung durch die deutsche Wehrmacht erlebt.

In den 1980er Jahren brachte sie ihre Kindheitserinnerungen zu Papier und veröffentlichte mit „A Child´s War. The German Occupation of Guernsey as seen through young eyes“ das erste von nunmehr drei Büchern.

Die angehenden Fremdsprachenassistenten konnten nicht nur einer Lesung in Originalsprache lauschen. Sie lernten auch eine Zeitzeugin des Zweiten Weltkriegs kennen, deren Land von den Deutschen besetzt worden war. Ein selten beleuchteter Blickwinkel.

Die Insel Guernsey, zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich im Atlantik gelegen, war von den Deutschen als strategischer Stützpunkt besetzt worden. Die Nazis hatten die Insel mit Befestigungsanlagen umgeben und einen Angriff auf die englische Hauptinsel geplant. Für Molly Bihet war das Leben unter der Besatzung so einprägsam gewesen, dass sie Jahrzehnte später ihre Erinnerungen daran in einem Buch bündelte. In der neuen Mediathek der Schule, die nun seit einem Jahr existiert und den Schülern der KSM durch den Zugang zu verschiedenen Medien ein selbstbestimmtes Lernen ermöglichen soll, teilte die alte Dame ihre Erinnerungen mit den Schülern.

Ihr Buch ist aus der Sicht von Molly als damals neunjähriges Mädchen geschrieben. Sie erzählt von ihrer Mutter, die beschlossen hatte, nicht zu fliehen. Auf die Gefahr hin getrennt zu werden, wollte die vierköpfige Familie lieber auf der Insel ausharren. Die rüstige Autorin erzählt, wie deutsche Lehrer die Schulen übernahmen und sie als Schulkind die deutsche Sprache und deutsche Lieder lernen musste. Sie erzählt von Nahrungsmittelknappheit und Hunger und von der Angst vor den deutschen Soldaten.

Für die 80-jährige Molly Bihet, die ganz dem Bild einer englischen Dame entspricht, war es trotz allem nicht seltsam, ihre Erinnerungen mit deutschen Schülern zu teilen. Auf Guernsey hatte sie über viele Jahre gemeinsam mit ihrem Mann ein Gasthaus betrieben, in dem immer wieder deutsche Urlauber, auf der Suche nach der Geschichte ihrer Väter und Großväter abgestiegen waren. Ihr momentaner Aufenthalt ist ihr erster längerer in Deutschland. Sie sei begeistert von dem Land und der Herzlichkeit der Menschen, sagte sie. In ihrer Heimat ist Bihet eine Berühmtheit. Gerade in der Zeit um den 9. Mai herum ist sie viel unterwegs, um die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

„Die Gegenwart liegt nicht in einem luftleeren Raum“, äußerte sich auch Schulleiter Siegmar Günther, „wir dürfen keine Gelegenheit verpassen aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Nur so können wir die Zukunft gestalten.“

von Kristina Gerstenmaier

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