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Marburg Der Klang der Welt
Marburg Der Klang der Welt
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19:58 09.12.2010
Afrika und Asien auf der Bühne: Oganga (von links) aus Kenia, das Lotus-Duo aus Vietnam und eine Sängerin des sibirischen Shamanen-Duos Ayarkaan musizieren gemeinsam. Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Eindringliche, magische Tonfolgen, beschwörende Gesänge, aus denen plötzlich ein ganzer Wald herauszuhören war, in den Bäumen rauschender Wind, Vogelstimmen, vielleicht auch Geister und schließlich wiehernde und schnaubende Pferde, unterlegt mit einem pulsierenden Rhythmus: Dieses Klangerlebnis schufen zwei Frauen, lediglich mit ihren Stimmen und der Maultrommel Khomus, dem Nationalinstrument der Jakuten, durch das sie hindurch sangen.

Wie es sich für Deutschlands ältestes und größtes Weltmusik-Tourneeprogramm, das vor 24 Jahren in Marburg ins Leben gerufen wurde, gehört, eröffnete die für deutsche Ohren ungewohnteste Musik dieses Festival. Unterstrichen wurde die Magie der Klänge durch die prächtigen neoschamanistischen Kostüme. Albina Degtyareva, die die Gruppe Ayarkhaan begründete, um die archaischen Gesänge der traditionellen Schamaninnen vor dem Aussterben zu bewahren, hat diese selbst genäht.

Über das Verkehrschaos mit vielen Busausfällen, dass der Schneefall in Marburg am Mittwochabend anrichtete und der zu dem vergleichsweise niedrigen Besuch von 370 Zuhörern in der Stadthalle führte, konnten die Jakutinnen sicher nur milde lächeln. Bei ihnen herrschen im Winter minus 40 bis minus 60 Grad Celsius.

Einen nicht nur temperaturmäßig gewaltigen Sprung stellte der Auftritt von Oganga aus Kenia dar. Er lebt in einem traditionellen Dorf am Äquator und im Nachbardorf lebt Barack Obamas Großmutter, berichtete Klangwelten-Erfinder und Organisator Rüdiger Oppermann, der durch das Programm führte. Der 63-jährige Oganga ist in seiner Heimat ein bekannter Barde, seine Gesänge begleitete er in groovendem Rhythmus mit Fuß-Schellen und auf der Leier Nyatiti. So wie bei diesem seit vielleicht 6.000 Jahren unveränderten Instrument müsse man sich auch den Klang der biblischen Harfe Davids vorstellen: schnarrend, denn nach afrikanischer Ästhetik klingen zirpende Töne viel schöner als gerade, erläuterte Oppermann.

Russudan Meipariani aus Georgien verband in ihrem Klavierspiel und Gesang traditionelle und avantgardistische Elemente zu einer faszinierenden Einheit. Motive aus ihrer Heimat, dazu ihr einzigartiger, in Phantasiesprachen tirilierender zweistimmiger Gesang spannten einen weiten Bogen bis zu Anklängen an Minimal Music und Jazz.

Ganz anders wieder, unserem westlichen Klangempfinden recht nahe, war die klassische Musik Vietnams, die das Lotus Duo auf der einsaitigen Dan Bau, der Flöte und vor allem auf der Wölbbrett-Zither Tranh, die die Spielerin Hoa Tran virtuos beherrschte, vorstellte.

Der indische Tablameister Jatinder Thakur blieb bis auf ein Solo als Rhythmusgeber dezent im Hintergrund. Prägenden Einfluss nahm Oppermann außer auf seinen Harfen durch seine genialen Arrangements für die unterschiedlichen Kombinationen der so verschiedenartigen Musiker, ihrer Instrumente und Spielweisen. Nach zweieinhalb Stunden gab es Jubel- und Zugaberufe.

von Manfred Schubert

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