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Der Herr der Spiele sagt Adieu

Dr. Bernward Thole Der Herr der Spiele sagt Adieu

40 Jahre lang hat der Marburger Dr. Bernward Thole Spielerenzensionen veröffentlicht. Damit ist nun Schluss: Der Herr der Spiele lässt Jüngere ran. Aber vom Spielen und von Spielen will er nicht lassen.

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Wo Bernward Thole ist, da sind fast immer auch Spiele: Hier steht er neben einem von vielen Regalen in den Räumen des Vereins Spielebrücke.Foto: Uwe Badouin

Marburg. 77 Jahre alt ist Dr. Bernward Thole inzwischen. Ein gutes Alter, um aufzuhören, meint er. Zumindest mit seinen Spielerezensionen, die bundesweit seit den 1970er Jahren nachgefragt waren. Thole hat für „Die Zeit“ geschrieben, wo 1973 seine erste Rezension erschien. Er war Autor für die Frankfurter Rundschau, für Magazine, Illustrierte und mehr als 20 Jahre fester Spielerezensent für die Oberhessische Presse: Woche für Woche gab es im Magazin der OP Spieletipps von Thole und von Tholes Mitarbeitern. Die Spiele­tipps in der OP wird es weiter geben: Martin Wehnert und Eva Timme zeichnen künftig dafür verantwortlich.

Sein Spitzname: Spiele-Papst

Nur Thole wird keine Zeile mehr schreiben. Vor zwei Wochen ist in der Oberhessischen Presse sein „Schwanengesang“ erschienen. Sein letzter Text. Schluss. Aus. Vorbei. „Rezensionen machen mehr Arbeit als man ihnen ansieht. Man soll ihnen die Arbeit, die dahintersteckt ja auch nicht ansehen“, meint der Marburger Spieleexperte bei einem Kaffee. Man müsse stets die ganze Entwicklung im Blick haben, dürfe nicht nur eine Spielanleitung verfassen, betont er. Spannend sollten die Rezensionen sein, neugierig sollten sie machen.

Aber wenn in Deutschland einer die Entwicklung der Spiele im Auge hat, dann doch er, der „Spiele-Papst“, wie er bisweilen genannt wurde. Sein Wort hatte Gewicht in der Szene - bei Spieleexperten ebenso wie bei Spieleverlagen. Schließlich ist Thole Mitbegründer des bedeutenden Kritikerpreises „Spiel des Jahres“ und war viele Jahre lang Sprecher der Jury. Er hat an der Universität Lehrveranstaltungen organisiert etwa über „Das Spiel als Ausdruck und Medium der Kultur“. Er hat Vorträge über Spieltheorie gehalten, bundesweit Ausstellungen organisiert, zahlreiche Artikel in Fachzeitungen veröffentlicht und jede Menge Auszeichnungen erhalten.

Thole spielt seit seiner Kindheit leidenschaftlich, ist aufgewachsen in einer Familie, in der wie selbstverständlich gespielt wurde. Schach, Halma und manchmal mangels anderer Alternativen auch Spiele, die Werbung transportierten - etwa von einem Waschmittelhersteller: „Eine Frau, die Fewa nicht kennt, den ganzen Weg noch einmal rennt“, lautete etwa die Strafe auf einem der Spielfelder.

10 000 Spiele in der Spielebrücke im haus der Ketzerbachgesellschaft

Nach seinem Studium Deutsch und Latein für das Lehramt an der Marburger Philipps-Universität hat er dort als akademischer Oberrat am Fachbereich Neue Deutsche Literatur und Medienwissenschaft unter anderem die Studienberatung betreut. Daneben hat Thole Spiele gesammelt und dabei eine - anders kann man es wohl nicht bezeichnen - gewisse Besessenheit an den Tag gelegt. Er ist über Flohmärkte gezogen, durch Geschäfte gepilgert, wurde von Verlagen bemustert. Und wie selbstverständlich hat er auch die Familie eingespannt. Seine Frau und seine drei Kinder.

Am Ende stand das Deutsche Spiele-Archiv, das er 1985 aufbaute und bis 2010 auch leitete: Rund 35000 Spiele und knapp 18000 Bücher gingen 2010 an das Spielemuseum in Nürnberg, weil sich in Marburg niemand so richtig für dieses bundesweit einzigartige Archiv einsetzen wollte. Es war eine Enttäuschung für ihn.

Doch der Spieler Thole hat hoch gepokert und jede Menge Spiele für sein neues Projekt, den Verein Spielebrücke, gerettet: Doubletten etwa. Man sieht: Thole kann zwar aufhören, Rezensionen zu schreiben, aber er kann nicht die Finger von Spielen lassen. Und schon wieder zieht er über Flohmärkte und kauft - jetzt vor allem Kleinspiele.

Längst platzt auch die Spielebrücke im Haus der Ketzerbachgesellschaft aus allen Nähten. Mehr als 10 000 Spiele sind es inzwischen. Eine ganze Menge für jemanden, der aufhören will. „Ach“, sagt er irgendwann. „Ich kann ja gar nicht aufhören, ich weiß ja gar nicht wie das geht.“

Und so wachsen die Stapel in, vor und zwischen den Regalen in der Spielebrücke unaufhaltsam weiter. Und wer spielen will, ist bei ihm und den Leuten von der Spielebrücke nach vor wie richtig. Thole veranstaltet seit 1988 Spieleabende. Und die lässt er sich natürlich auch nicht nehmen.

von Uwe Badouin

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