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Der Grantler wagt den Hüftschwung

Kabarett Der Grantler wagt den Hüftschwung

Das gibt es eigentlich nur bei gefeierten Popstars: Im ausverkauften Haus werden noch Stehplätze vergeben, und wenn der Meister und seine Musiker auf der Bühne erscheinen, werden sie frenetisch gefeiert. So ging es zu bei Gerhard Polt und den Biermösl Blosn.

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Gerhard Polt und die Biermösl Blosn wurden vom Publikum gefeiert.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Vorwiegend grau war das Haupthaar der Besucher in der mehr als ausverkauften Stadthalle. Kabarettist Polt ist ja nun auch schon seit über 40 Jahren aktiv auf der Bühne, im Fernsehen und im Film, seit über dreißig Jahren regelmäßig begleitet von den Biermösl Blosn.

Inzwischen macht sich das kabarettistische Urgestein rarer auf den Bühnen, und die drei Gebrüder Well, die als gegen den Strich gebürstete Volksmusiktruppe auch schon seit über 30 Jahren mit Polt zusammenarbeiten, haben für Anfang 2012 ihren endgültig letzten Auftritt in dieser Formation angekündigt.

Grund genug, die Gelegenheit zu nutzen, dass das KFZ die vier nach Marburg geholt hat, und die vier Routiniers in Sachen pointierter Bissigkeit und zugespitzter Satire noch einmal gemeinsam in Aktion zu sehen. Dabei reichten schon Polts Körperhaltung und Gesichtsausdruck als ewig mürrischer Grantler, um Beifallsstürme zu entfachen, bevor er überhaupt den Mund aufgetan hatte.

Die erwiesen sich aber nachträglich als gerechtfertigt, als Polt seine gewohnt behäbig-bösartigen Monologe ablieferte und in die Haut der vorzugsweise bajuwarischen Spießbürger schlüpfte, deren mit viel Überzeugug vorgetragene Weltanschauung einen grausen lässt. Er, der beim Vortrag der Biermösl Blosn nicht nur keine Miene verzieht, sondern sogar einzunicken scheint, wird lebendig, wenn es gegen die anderen geht, die Fremden, die Nörgler.

Die Sympathie seiner Figuren gilt der Jugendfeuerwehr, die für die Aktion „Jugend ohne Drogen“ von jedem verkauften Schnaps zehn Cent spendet, dem Swingerclub, der seine Zimmer im Landhausstil einrichtet und dem Bürgermeister, der nicht nur schon so lange im Amt ist wie es Ägyptens Ex-Präsident Mubarak war, sondern dessen Gesinnung in etwa die von Mubaraks Hautfarbe ist.

„Genauso reden und denken die Leute daheim“ entfährt es einer Besucherin, die aus der Nähe von Altötting stammt. Und das ist das, was einem eigentlich das Lachen im Halse steckenbleiben lassen müsste, doch zum Glück sind die Seitenhiebe so treffend, die Pointen so überspitzt, dass das befreiende Lachen doch kommt.

Die Biermösl Blosn setzen ihr großes musikalisches Können geschickt ein, um traditionelle Volksmusik ironisch zu brechen, ohne sie zu denunzieren. Die Multi-Instrumentalisten sitzen wie drei große Buben auf der Bühne und haben sichtlich den Schalk im Nacken, wenn sie schon zu Beginn ihre Spottverse über Marburg schmieden und über Bürgermeister Franz den Kahlen und seine Seilbahn ebenso lästern wie über das Hörsaalgebäude, dem die ehrwürdige Geschichte der Universität nicht eben anzusehen sei. Mit ihrem Sprechgesang nehmen sie dieselbe Zielgruppe aufs Korn wie Polt, geben Kirche und Politik immer wieder einen drüber und machen dann auch mal einfach nur Musik.

Und nach einiger Zeit erwacht Polt, dessen alte Strickjacke vom behäbigen Hände-in die Tasche-Stecken am Rand ganz ausgefranst ist, bei den musikalischen Teilen doch zum Leben und zeigt sich von einer ganz neuen Seite. Als Instrumentalist kommt er über Mini-Kuhglocke und Regenmacher zwar nicht hinaus, überrascht aber mit einer kräftigen Singstimme als Flamencosänger und bei der Zugabe als heißblütiger Vorsänger pseudo-afrikanischer Weisen, Zum Abschluss wagt der knurrige Kabarettist sogar einen Hüftschwung, bevor er mit den sichtlich ebenso gut gelaunten Biermösl Blosn die Bühne verließ. Dass es das in dieser Form nie mehr zu sehen geben wird, der Gedanke konnte einem fast den Spaß verderben.

von Heike Döhn

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