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Marburg Der Friedensbotschafter mit Klarinette
Marburg Der Friedensbotschafter mit Klarinette
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00:15 13.01.2014
Giora Feidman wurde mit der Klarinette zum Weltstar. Am Donnerstag präsentierte er in der Elisabethkirche sein Programm „Klezmer meets Jazz“. Rehts neben ihm ist der herausragende Cellist Stephan Braun zu sehen.Foto: Thorsten Richter Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Leise, tief in die Musik versunken beginnt Giora Feidman seine Konzerte: Von fern klingt der warme Ton seiner Klarinette durch die Kirche, während er langsam durch die Mittelreihen geht. Alle Geräusche verstummen, es ist ein Gänsehaut-Moment. Es ist nicht der einzige in dem etwa zweistündigen Konzert am Donnerstagabend in der nahezu ausverkauften Elisabethkirche.

Auf dem kleinen, kaum erhöhten Podium angekommen, setzen seine drei jungen Mitstreiter ein in den 80 Jahre alten Klassiker „Bei mir biste shein“. Nach wenigen Takten ist klar: Stephan Braun (Cello), Reentko Dirks (Gitarre) und Guido Jäger (Kontrabass) sind wie ihr großes Vorbild herausragende Musiker, die jedes Tempo, jede Stimmung mitgehen können.

24 Songs haben sie im Programm: Zum Weinen schöne melancholische Lieder und mitreißende, schnelle Klezmer-Melodien, dazu Swing- und Jazz-Klassiker von George Gershwin, Duke Ellington oder Bill Evans. Und eigene Songs, denn Feidmans Begleiter sind nicht nur virtuose Musiker sondern auch ausgezeichnete Komponisten.

Unumstrittener Chef auf der Bühne aber ist Giora Feidman, der alte Mann und der Friedensbotschafter mit der Klarinette. 1936 in Buenos Aires als Sohn jüdischer Eltern geboren, versteht er sich als „Brückenbauer zwischen den Kulturen“: Er spiele als Jude in einer deutschen Kirche, singe zusammen mit den Menschen. Es sei ein Geschenk Gottes, an diesem Moment teilhaben zu dürfen, sagt er den Zuhörern und beklagt die vielen Kriege in der Welt, „Kriege im Namen des Friedens“. Feidmans Antwort ist Musik. Er verbindet die drei Nationalhymnen Deutschlands, Israels und Palästinas, weil er sich in Deutschland zu Hause fühlt, weil er in Israel gelebt habe und weil er in Frieden mit den Palästinensern leben wolle. Es ist ein ergreifender Moment kurz bevor er sich mit dem traditionellen Shalom Chaverim, das alle gemeinsam singen, ebenso still und leise in die Pause verabschiedet, wie er knapp eine Stunde zuvor aufgetreten ist.

Ein Stammgast in der Elisabethkirche

Feidman ist ein weiser Mann, ein begnadeter Musiker, dem man sein Alter auf der Bühne kaum anmerkt. Er lässt seinen Musikern auf der Bühne viel Raum für eigene Improvisationen und belohnt sie mit einem Lächeln und lauten Bravos, wenn ihm etwas besonders gut gefällt. Er lächelt oft an diesem Abend, auch ein Zeichen, wie gut die drei Begleiter sind, die allesamt auch als Solisten auftreten.

Viele im Publikum kennen und lieben Giora Feidman. Schließlich ist er Stammgast in der Elisabethkirche. Fünf Mal ist er in den vergangenen zehn Jahren dort aufgetreten, stets vor vollem „Haus“. Und alle hoffen, dass der große Musiker wiederkehren möge, für den Musik die alle verbindende Sprache der Menschheit ist.

Erst zu den zwei Zugaben wirft er am Donnerstag einen Blick auf die Uhr, nur, um einen charmanten Witz zu machen. Es sei schon spät, die Kinder müssten ins Bett, sagt er mit Blick auf seine Begleiter - bevor er seine Zuhörer mit Swing und Klezmer in die Marburger Winternacht entlässt. Glücklich, ein tolles Konzert mit einem großen Musiker erlebt zu haben.

von Uwe Badouin