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Marburg Der Beifall will kein Ende nehmen
Marburg Der Beifall will kein Ende nehmen
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06:16 28.04.2012
Die Württembergische Philharmonie Reutlingen begeisterte das Marburger Publikum in der Stadthalle zum Ausklang der Konzertvereins-Spielzeit. Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Das erlebt man selten bei Sinfoniekonzerten: Schon nach dem Eröffnungsstück gab es in der Stadthalle Bravo-Rufe. Völlig zu Recht, denn die Württembergische Philharmonie Reutlingen hatte unter der Leitung ihres österreichischen Gastdirigenten Christoph Campestrini in Franz Schuberts dritter Sinfonie nicht nur mit ansteckender Musizierfreude begeistert, sondern auch mit Detailgenauigkeit überzeugt. Da stimmte einfach alles: die geschärften, aber nie übertriebenen Kontraste im Kopfsatz; die herzerwärmende, kammermusikalisch durchleuchtete Behaglichkeit im Allegretto mit seinem betörenden Klarinettensolo; das trotzige Auftrumpfen im Menuett mit dem von Oboe und Fagott getragenen Ländler-Mittelteil; und die furiose Italianità im Tarantella-Finale.

Auch als Begleitorchester musizierte die Württembergische Philharmonie unter dem körperbetont dirigierenden Campestrini mit derselben Hingabe, trug den Solisten auf Händen und trat gleichzeitig mit ihm in einen außerordentlich lebendigen Dialog. Der aus Ungarn stammende Weltklasse-Trompeter Gábor Boldoczki widmete sich einem Paradestück für sein Instrument: dem E-Dur-Konzert des Mozart-Schülers Johann Nepomuk Hummel. Mit staunenswerter Leichtigkeit und absoluter Treffsicherheit meisterte Boldoczki die raumgreifenden Intervallsprünge, die atemberaubenden Tonrepetitionen und Trillergirlanden der hochvirtuosen Ecksätze. Neben enormer Strahlkraft besaß sein Trompetenklang auch betörende Belcanto-Qualitäten, die er vor allem im arienhaften Mittelsatz mit einer Fülle an Zwischentönen erklingen ließ.

Dem hellauf begeisterten Publikum schenkten Boldoczki und das Orchester eine opulente und mit virtuosen Hürden gespickte Zugabe: ein Concertino, das der italienische Opernmeister Gaetano Donizetti ursprünglich für Englischhorn komponiert hatte.

Eindringlich spürte Campestrini nach der Pause mit der Württembergischen Philharmonie die überbordende Fülle an kompositorischen Feinheiten in Joseph Haydns vorletzter von insgesamt 104 Sinfonien auf. Nie riss der Spannungsbogen ab - vom scharf herausgemeißelten Paukenwirbel der langsamen Einleitung, welcher der Es-Dur-Sinfonie ihren Beinamen „Mit dem Paukenwirbel“ gegeben hat, bis zum genialen Finale, das gleichermaßen auf Mozarts „Jupiter“-Sinfonie zurück- wie auf Beethovens Fünfte vorausschaut. Im ruhig dahinwandernden Andante, das auf zwei slawischen Volksmelodien basiert, und im frisch-derben Menuett nutzten Konzertmeister und Holzbläser des in allen Gruppen exzellent besetzten Orchesters die Möglichkeit, sich solistisch von ihrer besten Seite zu zeigen. So wollte auch nach dem sinfonischen Hauptwerk der Beifall der 600 Zuhörer kein Ende nehmen, was die so Gefeierten mit einer funkensprühenden Wiedergabe von Mozarts „Figaro“-Ouvertüre belohnten.

Der Marburger Konzertverein beginnt die Spielzeit 2012/2013 am Sonntag, 28. Oktober, um 20 Uhr in der Stadthalle mit einem Gastspiel des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt.

von Michael Arndt