Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Dat klingt nach Kölle – verrückt“
Marburg „Dat klingt nach Kölle – verrückt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:51 28.04.2017
Die Kölner Kultband Höhner um Sänger Henning Krautmacher riss das Marburger Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Quelle: Miriam Prüßner
Marburg

Es dauert nicht lange bis die Zuschauer auf Betriebstemperatur sind und der Saal brodelt. Die Höhner sind der Herd. Strahlende Gesichter so weit das Auge recht. Entweder sind viele Exil-Kölner zugegen oder der von der Band so oft besungene kölsche Frohsinn hat sich mittlerweile auch bis nach Marburg ausgebreitet. „Großartig! Ich würde Euch sofort zum 87. Stadtteil von Köln machen“, adelt Henning Krautmacher das Publikum. Die Menge johlt.

Kultband „Höhner“ machte Marburg vor 470 begeisterten Fans im Erwin-Piscator-Haus zum Kölner Stadtteil

Krautmacher, Frontmann der Band, ist einer der Menschen, die stets ein Lächeln im Gesicht zu tragen scheinen. Schelmisch treibt die Stimmungskanone mit dem urigen Schnauzbart Schabernack mit einer Pressefotografin. Im Publikum erblickt er Schals vom Fußballbundesligisten 1. FC Köln – quasi ein Heiligtum in der Domstadt – macht T-Shirts aus, auf denen Lukas „Prinz Poldi“ Podolski aufgedruckt ist. Er fühlt sich wie zu Hause und tauft die Universitätsstadt kurzerhand in „Köln-Marburg“ um.

Der Raum ist mit 500 Plätzen bestuhlt. Doch die Sitzgelegenheiten nutzen die Zuschauer nach der Pause kaum noch. Bei fast jedem Song springen die 470 „Jecken“ auf, klatschen im Takt und singen mit. Songs spielen könnte die Band am Fließband, denn das Repertoire der Musikgruppe umfasst mittlerweile mehr als 500 Lieder.

Neue klangliche Möglichkeiten

Ihre Hochzeit haben die „Höhner“ freilich in der Karnevalssession. Aber die mittlerweile rund 45 Jahre alte Band hat weit mehr auf dem Kasten als nur Fastnachtslieder, die überregional bekannte Kölner Hymne „Viva Colonia“ oder den Song zur Handball-Weltmeisterschaft 2007 „Wenn nicht jetzt, wann dann?“. Diese Titel spielen die Kölner Urgesteine natürlich auch.

Das alles erledigt die Band bei „Janz höösch“ (Hochdeutsch: Ganz leise) mit Akustikgitarren. E-Gitarren? Fehlanzeige. Hier und da haben die Höhner an ihren älteren Songs gefeilt, an ein paar Schräubchen gedreht. Vor allem die Intros der Songs haben sich verändert. Resultat: Die Darbietung wirkt eine Spur ­gezähmter und andächtiger als in den 1990ern oder 2000ern. Hinzu kommen neue Instrumente wie die Ukulele, die neue klangliche Möglichkeiten eröffnet.

Kölner Urgesteine lassen dem Dialekt freien Lauf

Gute Laune ist wichtig. Das betonen die vorrangigen Pop- und Rockelemente der Musik. Aber sie ist nicht alles. Es finden sich im Gesamtwerk aber auch sehr melancholische Songs, die mitunter hohen moralischen Mehrwert haben. Die Ballade „Der Narr“ – eine Geschichte von einem Hofnarren, der dank Narrenfreiheit unangenehme Wahrheiten in die Welt hinaus schreit – nimmt dabei eine exponierte Position ein. Es ist ein flammendes Plädoyer für Redefreiheit.

Bassgitarrist und Höhner-Urgestein Hannes Schöner brilliert hier im Zusammenspiel mit Keyboarder Micki Jäger, der während des Konzerts ein ums andere Mal mit seiner rauchigen und tiefen Stimme gesangliche Abwechslung ins Spiel bringt. Zwar müht sich das Sextett auf der Bühne, Hochdeutsch zu sprechen, doch in den Songs lässt die Band freilich ihrem Heimatdialekt freien Lauf und zelebriert Kölsch in Reinkultur.

Unwissenden dürfte diese Mundart wie verbales Tohuwabohu vorkommen. Daher gibt es hier und da Nachhilfe von den Höhnern. Die hessischen Schüler lauschen und lernen. Nach der Show drängeln sie als Selfie- und Autogrammjäger an den Verkaufsstand der Band. Unterm Strich ist der Abend bestens mit einer Songzeile beschrieben: „Dat klingt nach Kölle. Chaotisch und verrückt.“

von unserem „Kölsche Jung“ Benjamin Kaiser

Anzeige