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Marburg Das süße Gift der Komödie
Marburg Das süße Gift der Komödie
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20:49 11.09.2011
Grandiose Hauptdarsteller: Anne Berg spielt das Straßenmädchen Shin Te, Daniel Sempf ihren Liebhaber Yang Sun, der über ihre Brüste an ihr Geld will. Quelle: Ramon Haindl

Marburg. Was für ein Start in die Spielzeit 2011/12. Langanhaltenden stürmischen Applaus gab es am Freitag vom Premierenpublikum in der restlos ausverkauften Bühne im Theater am Schwanhof.

Der Applaus war hochverdient. Stephan Suschke präsentiert nach seinem großartigen „Baal“ eine äußerst kurzweilige, straff auf etwa zwei Stunden Spielzeit gekürzte Version des 1943 uraufgeführten Stücks „Der gute Mensch von Sezuan“.

Der international tätige Regisseur Suschke setzt auf das süße Gift der Komödie. Er macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eine bitterböse Komödie, eine Farce, mit ins Groteske überzeichneten Charakteren.

Bemerkenswert daran ist, dass bei allem Spaß und Witz Brechts Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in aller Schärfe zu Tage tritt. Die Inszenierung strahlt eine enorme Souveränität aus, die sich auf das ausgesprochen spielfreudige Ensemble überträgt.

Der Berliner Regisseur hat die Köpfe der Darsteller in Nylonstrümpfe gesteckt – einerseits um zu verfremden, andererseits um die Darsteller, die sonst sehr stark auf ihre Mimik setzen, zu körperbetontem Spiel zu zwingen, sagte er nach der Premiere. Es gelingt grandios: Zur entspannten China-Swing-Musik der „Shanghai Divas“ winden und verbiegen sich Darsteller in einem Spiel, das – bis auf die Zuschauer – nur Verlierer kennt.

Überragend ist die 26-jährige Marburgerin Anne Berg, die die schwierige, schizophrene Hauptrolle Shin Te / Shui Ta erst vor drei Wochen wegen eines krankheitsbedingten Besetzungswechsels übernommen hatte. Sie spielt die von den Göttern beschenkte Hure Shin Te mit der wunderbaren Naivität einer Marilyn Monroe in „Manche mögen‘s heiß“. Ihr neuer Reichtum lockt Schmarotzer an wie Speck die Maden. Weil Shin Te nicht nein sagen kann, droht bald der Ruin.

Ihr Ausweg: Sie verwandelt sich in ihren Vetter Shui Ta, der eher geschaffen ist für eine Welt, in der Stärke zählt.Shui Ta kann alles, was Shin Te nicht kann: Er kann nein sagen, er kann sein Kapital rücksichtslos gegen die richten, die Shin Ta ohne Gegenforderung versorgt hätte. Und er kann Lügen entlarven, wie die ihres Liebhabers Yang Sun. Daniel Sempf gibt ihn mitreißend als berechnenden Schleimer.

Suschke präsentiert auf der von Momme Röhrbein nüchtern ausgestalteten und perfekt ausgeleuchteten Bühne ein kurioses Personalpanoptikum: Claudia Fritzsche watschelt als gierige Hausbesitzerin über die Bühne, die in der Nähe von Männern geradezu dahinzufließen scheint.

Stefan A. Piskorz zeigt sein komödiantisches Talent als geiler Barbier, als Bonze und besoffener Paffer. Nicht minder souverän gibt Uta Eisold die betrügerische Witwe Shin und die gierige Mutter des Fliegers Sun. Oliver Schulz und Thomas Streibig überzeugen in kleinen Rollen.

Ihnen allen merkt man den Spaß an, dem sie mit dieser Interpretation haben.

„Der gute Mensch von Sezuan“ ist am 14., am 20. September und 7. Oktober wieder zu sehen. Mittwoch ist Blauer Tag – man geht zu zweit, zahlt aber nur eine Karte.

von Uwe Badouin

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