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Marburg „Die Situation ist sehr verkorkst“
Marburg „Die Situation ist sehr verkorkst“
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19:58 30.10.2018
Ein Riss geht durch die große Koalition zwischen CDU und SPD. Die Ergebnisse der hessischen Landtagswahl verstärken diese Entwicklung. Quelle: Strobel / dpa
Marburg

Berlin ist weit weg – möchte man meinen. Nach der Landtagswahl merken aber auch die Hessen, wie sehr ihre Stimmabgabe die politischen Verhältnisse auf Bundesebene beeinflussen. Wie geht es nach der Wahlschlappe der SPD und den Einbußen für die CDU nun weiter mit der Groko? Oder geht es überhaupt weiter? Dazu hat die OP Menschen auf der Straße im Landkreis befragt.

Karin Klesius aus Stadtallendorf: „Das Wahlergebnis habe ich so erwartet, denn die Leute sind mit der Groko in Berlin unzufrieden. Es muss sich nun dringend etwas ändern. Angela Merkel ist zwar eine gute Bundeskanzlerin und es gibt keinen vernünftigen Nachfolger, aber sie muss mehr auf die Probleme im eigenen Land eingehen. In Berlin wird zu viel für andere Länder gemacht – dabei haben wir doch auch Probleme in Deutschland: Für Kindergärten muss mehr gemacht werden, eine andere Rentenpolitik ist notwendig und es gibt zu viel Zeitarbeit, um nur einige Beispiele zu nennen.“

„Vielleicht wären Neuwahlen sinnvoll“

Simone Thamer aus Neustadt: „In Berlin muss mehr auf sozialpolitische Themen eingegangen werden. Bei den Kindergartenplätzen muss etwas passieren, es müssen mehr Polizisten eingestellt werden und die Wohnungsnot ist groß. Vielleicht wären Neuwahlen sinnvoll. Ich habe den Eindruck, dass die Kanzlerin nicht mehr mitbekommt, was die Menschen beschäftigt. Früher ging Deutschland immer voraus, inzwischen habe ich das Gefühl, dass wir Schritte zurückgehen.“

Sabrina Dobios, 20 Jahre, aus Marburg: „Wenn man sich entscheidet, zusammen zu regieren, dann sollte man sich auch als Einheit präsentieren. Wenn die große Koalition so wackelig ist, hat man auch nicht viel Vertrauen in die Regierung.“

Laurenz Fischer, 21 Jahre, aus Marburg: „Ich hoffe, dass es in Berlin einen Umschwung gibt, dass die Grünen mehr Mitspracherecht bekommen, passend zu den Wahlergebnissen in Hessen und Bayern.“

Alexander Widmaier, 48 Jahre, aus Stuttgart: „Ich denke, dass die Regierung so bis zur nächsten Wahl weiter besteht. Stimmen aus der SPD, sich aus der großen Koalition zurück zu ziehen, sind nur Säbelrasseln. Bei einer Neuwahl hätten CDU und SPD zu viel Angst, dass sie nicht genug Stimmen bekommen. Deshalb werden sie bis zur regulären Bundestagswahl warten. Ich denke, bei Merkel ist es wie bei Kohl damals: Sie war jetzt zu lange im Amt und hat ihren Antrieb verloren.“

„Nahles sollte richtig auf den Tisch hauen“

Tim Wittenborn aus Rosenthal: „Ich finde, die große Koalition sollte jetzt auf jeden Fall überdacht werden.“

Dirk Schmidt aus Kirchhain: „Gerade jetzt ist es wichtig, dass die Politiker sich mehr miteinander unterhalten, anstatt sich anzufeinden. Nur so können auch Veränderungen bewirkt werden.“

Ottmar Kindel aus Marburg: „Die SPD muss jetzt einen klaren Schnitt machen. Andrea Nahles sollte mal richtig auf den Tisch hauen. Konsequentes Durchgreifen ist jetzt gefragt, damit die SPD noch die Kurve bekommt. Einige ehemalige SPD-Mitglieder würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, wie es jetzt dort zugeht.“

Gabi Simon, 61 Jahre, aus Kirchhain: „In Berlin müssen sie sich jetzt wirklich mal Gedanken machen, wie sie das alles in den Griff bekommen wollen. Dazu gehört auch abzuwägen, ob die große Koalition noch Sinn macht.“

Mathias Honig, 38 Jahre, aus Marburg: „Die SPD hat die Abrechnung bekommen für ihren Umgang im Fall Maaßen und wegen des Verhaltens von Andrea Nahles. Sie sollte sich schnellstmöglich aus der Koalition mit der CDU lösen. Denn diese war ihr größter Fehler überhaupt. Die CDU hingegen verkraftet ihr schlechtes Ergebnis besser als die SPD.“

„Eine Mitschuld hat auch die Presse“

Kai Hobein, 49 Jahre, aus Bad Endbach: „Die Situation ist sehr verkorkst. Es muss sich von Grund auf einiges ändern. Die Parteien sind nicht mehr differenzierbar. Wenn wieder mehr Ordnung drin ist, kann man auch personell was machen.“

Rolf Herrmann, 69 Jahre, aus Schlierbach: „Die sauberste Lösung wären Neuwahlen auf Bundesebene. Ein ‚weiter so‘ wie bisher geht nicht mehr, das haben die Wähler entschieden und sie sind der Souverän.“

Ramona Trusheim aus Marburg: „Die große Koalition verliert immer mehr an Vertrauen. Eine vorzeitige Auflösung fände ich aber nicht gut, da von Neuwahlen derzeit vor allem die AfD profitieren würde.“

Alexander Issing aus Niederweimar: „Ich halte die Aufregung nach der Wahl für übertrieben. Man sollte das schlechte Wahlergebnis der CDU und SPD nicht auf den Bund übertragen. Land ist Land und Bund ist Bund. Daher sollte die große Koalition auch nicht vorzeitig aufgelöst werden. Eine Mitschuld hat meiner Meinung aber auch die Presse, die die Bevölkerung teilweise zu sehr aufwiegelt und anstachelt.“

von unseren Redakteuren