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Marburg „Das Wunderbare ist das Ungefähre“
Marburg „Das Wunderbare ist das Ungefähre“
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18:55 23.09.2010
Wladimir Kaminer signiert ein Buch im Cineplex. Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Nachtragende Menschen scheinen die Marburger nicht zu sein, musste man sich beim Anblick des bis auf den letzten Platz ausverkauften Saals im Cineplex denken. Der derzeit bekannteste russische in Deutschland lebende Autor Wladimir Kaminer war zum Marburger Kabarettherbst gekommen, um seine neuen Geschichten zu präsentieren.

Als Kaminer vor etlichen Jahren in Marburg Station gemacht hatte, konnte man danach in der „Zeit“ lesen, wie er die Stadt erlebt hat, und da blieb vor allem eins im Gedächtnis: Nämlich nichts Positives – außer den russischen Studenten, die Kaminer als Bereicherung für die Stadt bezeichnet.

Das Marburger Publikum zeigte sich jedoch nicht nachtragend und strömte zahlreich in die Lesung im Cineplex. Kaminer stand vor dem roten Kinovorhang in grau-gemustertem Hemd und schwarzer Jeans, neben sich einen Tisch, vor sich das Mikro. Hinsetzen kommt in seinem Programm nicht vor.

Zu Beginn wirkt er etwas nervös, stockt ab und an beim Lesen. „Wegen des Lichts“, wie er etwas später erklärt. Beim Plaudern über seinen Wohnort in Berlin schweift er von der abgeschweiften Erzählung noch mal ab, weil ihm etwas Lustiges dazu einfällt. „Darf ich?“, fragt er rhetorisch ins Publikum. Ideen wie mit Phosphor versetztes Hundedosenfutter, das eine Berliner Parkanlage zum Leuchten bringt, kommen unvorhergesehen und in Kaminers trockener Art vorgetragen, sodass selbst einige bis zu dem Zeitpunkt stoischer Zuschauende mitlachen und die ein oder andere Kinositzreihe ins Wackeln kommt.

Unter den üblichen Pauschalisierungen, die Kaminer in seinen Büchern über Deutsche, beziehungsweise „Einheimische“ und Russen anstellt, findet sich auch die, dass Russen es vermeiden, einer Sache auf den Grund zu gehen. „Das Wunderbare ist immer das Ungefähre“, konstatiert Kaminer und führt die Auswirkungen dieser Lebenshaltung seiner Landsleute aus.

von Tanja Hamer

Mehr lesen Sie am Freitag in der gedruckten OP.