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„Das Leben ist ein Hosenstall“

Kabarett „Das Leben ist ein Hosenstall“

Es gibt keine Schlawiner mehr? Von wegen. Kabarettist Michael Altinger beklagt in seinem neuen Programm „Das Ende vom Ich“ und fragt sich, wo die „Hundskrippl“ von früher geblieben sind - und macht ihnen alle Ehre.

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Die vielen Gesichter des Michael Altinger – ein Schweinderl inklusive.Fotos: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Schön, dass i do bin“. Michael Altinger hat es aus dem Chiemgau zum Kabarettherbst an die Lahn geschafft. Was er tut, erklärt er vorsichtshalber zu Beginn: „Ich werd‘ Ihnen jetzt a Kabarett vorspieln“. Ob das in Ordnung geht und alles in Ordnung ist, danach erkundigt er sich auch gleich noch. Und stellt fest, mit was für einer „orgiastischen Atmosphäre“ er im Marburger KFZ konfrontiert ist: „Wilde Bestien seid’s ihr!“.

Aber wie hat schon sein Onkel Adalbert immer gesagt? „Das Leben ist ein Hosenstall. Manchmal muss was raus.“

Einiges muss Altinger ein wenig „eindeutschen“

Ob hier jeder jeden kennt, will er kurze Zeit später wissen. „Ihr habt’s euch doch alle schon mal nackt gesehen, oder?“, vermutet er. Aber Spaß beiseite: Nach der Vorstellung attestiert er den Marburgern im Gespräch mit der OP, ein tolles Publikum gewesen zu sein: neugierig und aufmerksam. „Die Leute haben an Stellen gelacht, wo vielleicht seit einem Viertejahr nicht mehr gelacht worden ist“, so Altinger. Es mache einen Unterschied, wo er auftrete. Natürlich auch, weil er außerhalb von Bayern doch einiges an Dialekt „eindeutschen“ müsse.

Beim zentralen Begriff des „Hundskrippls“ bedarf es aber keinerlei Übersetzung. Wenn der Altinger Michi animiniert: „Schleicht’s euch doch mal auf den Golfplatz und pieselt’s in die Löcher nei“ - spätestens dann dürfte klar sein, welche Spezies er da vermisst. Was für eine Entwicklung: „Früher warn mer Bettnässer, heut sammer Wellnesser“. Und auf der Strecke geblieben sind eben die Hundskrippl. Die Schlawiner. Stattdessen gibt es Super-Mamis mit Projekt-Kindern. Es ist die Ära des „Diät-Schnackselns“ und des „Hirns im Schachterl“, das Zeitalter, in dem man sexy bleiben, es schnell gehen und weh tun muss.

Höchste Zeit also für einen Image-Wechsel. Alte Bücher und Freunde sind entsorgt und es wird auch nur noch das neue Brettspiel „Fang den Hund, Du Sau“ gespielt: „superteuer, aber überhaupt nicht lustig“. Und damit er in die illustre Runde der Mitspieler passt, muss aus dem Altinger Michi der Freiherr von und zu Strunzenöd werden. Der Rest der Welt „facebookelt, dass es grad so scheppert“ und keiner entkommt dem aktuellen Trendgemüse Wasabi. Nicht umsonst hat der Mann ein Diplom in Sozialpädagogik. Was er dem Publikum präsentiert, ist ein gestochen scharfes Porträt unserer Gesellschaft. Und wie er es präsentiert, ist hinreißend und stellenweise einfach nur zum Schreien komisch. „Blöd nur dann, wenn’s auch wirklich sein muss“, wie es in der Ankündigung heißt? Zum Glück nicht. Singen kann Michael Altinger übrigens auch. Er wird bei seinem Programm „Das Ende vom Ich“ von seiner Band begleitet - Martin Julius Faber.

Zwischendurch gibt es musikalische Einlagen, in denen ein Rentner auf einem Porsche liegt, eine Katze durchs Wohnzimmer rennt und Jenny sich über ihre Gefühle zu Kenny und Benny klar zu werden versucht. Dem Titel „Manchmal ist es wichtig, dass man öfter amol a Gaudi hat“ ist nicht viel hinzuzufügen.

Das Publikum hatte eine pfundige Gaudi und ließ Altinger nicht ohne Zugabe von der Bühne. „Überflüssige Momente“, wie es sie nach Ansicht des Kabarettisten heutzutage zuhauf gibt? In den zwei Stunden seines Auftritts nicht ein einziger. Stattdessen wünscht man sich, Hundskrippl mögen unter Artenschutz gestellt werden.

Von Nadja Schwarzwäller

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