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Marburg „Erschütterung und Ohnmacht“
Marburg „Erschütterung und Ohnmacht“
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12:21 07.03.2018
Szenenbild: Mehr als 54 Stunden hielten damals die Bankräuber die Bundesrepublik während ihrer Flucht in Atem. Quelle: Martin Valentin Menke / ARD Degeto / Ziegler Film
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Marburg

Zum 30. Mal jährt sich das Geiseldrama von Gladbeck in diesem Sommer. Einer­ der spektakulärsten Kriminalfälle im Nachkriegsdeutschland, der die Bundesrepublik an drei Tagen in Atem hielt, der zwei Geiseln und einen Polizisten das Leben kostete, der als Versagen der Staatsmacht und als journalistischer Sündenfall in die Geschichte einging. Bei der Verfilmung des Stoffes waren auch Polizei-Oldtimer aus Marburg dabei.

Einer der beiden Täter, Dieter­ Degowski, ist gerade aus der Haft entlassen worden. Der andere, Hans-Jürgen Rösner, sitzt weiter. Er war es auch, der „Gladbeck“ juristisch verhindern wollte: jenen TV-Zweiteiler, den das Erste am Mittwoch, 7. März, und am darauffolgenden Donnerstag je um 20.15 Uhr zeigt. Ein Film, der auch zum Nachdenken über „Gaffermentalität“ in Zeiten von sozialen Netzwerken und Smartphones anregen soll.

"Pressekonferenz" aus dem Fluchtwagen heraus

Live dabei sind damals Millionen TV-Zuschauer streckenweise, als die Täter nach dem missglückten Banküberfall in Gladbeck mit Geiseln durchs Land fliehen – verfolgt von einer hilflos wirkenden Polizei und einer Presseschar wie im Rausch. Vor laufenden Kameras geben die Verbrecher Interviews, während sie in Bremen Geiseln in einem Bus in ihrer Gewalt haben.
In Köln kommt es zur bizarren „Pressekonferenz“ aus dem dicht umlagerten Fluchtwagen heraus – die 18-jährige Geisel Silke Bischoff muss Fragen beantworten, während Degowski ihr die Waffe an den Kopf hält. Medienvertreter geben den Tätern Hinweise auf verdeckte Ermittler. Die Polizei kann das von Reportern und Schaulustigen umringte Fahrzeug nicht stürmen. Ein Journalist steigt ein und lotst die Gangster aus der Stadt.

"Kollektive Empathie" für Verarbeitung

Regisseur Kilian Riedhof will die „Erschütterung und Ohnmacht“, die er selber angesichts von Gladbeck empfunden habe, auf das Publikum übertragen. „Filme dürfen nicht im Kopf stecken bleiben, sie müssen uns bewegen. Das Trauma von Gladbeck braucht unsere kollektive­ Empathie, um verarbeitet zu werden“, sagt der 46-Jährige.
Sein Film bewegt – und holt den Nervenkrieg aus dem August 1988 zurück auf den Bildschirm. Sascha Alexander­ Geršak als Rösner, Alexander­ Scheer als Degowski und Zsa Zsa Inci Bürkle als Silke Bischoff gleichen den realen Vorbildern für ihre Rollen nicht nur frappierend. Die größtmögliche Faktentreue, die dem „Gladbeck“-Team wichtig war, reicht bis hin zu Bewegungsabläufen und Körpersprache.
Im Zentrum steht für Riedhof die Begegnung mit dem Animalischen und die Frage, wie sich dessen anarchische Gewalt auf Polizisten, Journalisten und vor allem die Geiseln auswirkte.

BRD war "anarchisches Feld"

„Es brauchte damals nicht viel und in 54 Stunden verwandelte sich die unschuldige Bundesrepublik in ein anarchisches, animalisches Feld.“ 54 Stunden komprimiert in zwei Mal 90 Minuten. Kein ­Dokudrama, sondern „ein dramatisch verdichtender Spielfilm“ (Riedhof). Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt dienten unter anderem die Untersuchungsberichte aus Nordrhein-Westfalen und Bremen als Quellen. Daneben seien ­etwa Tondokumente umfassender als zuvor ausgewertet worden, schreibt Produzentin Regina Ziegler über das mehrjährige Projekt.

Zuschauer sollen sich fragen, was sie gemacht hätten

Wer die Originalbilder vor ­Augen hat, wird so manches im Film, der genaue Recherche mit fiktionalen Elementen verknüpft, bis ins Detail wiedererkennen. Was der Öffentlichkeit zunächst verborgen blieb – Chaos, aber auch Kalkül in den Behörden, wo Schauspieler wie Ulrich Noethen, August Zirner und Martin Wuttke zu ­sehen sind – rekonstruierte die Crew anhand von Protokollen, Aufzeichnungen und Gesprächen. Wie kam es zum Versagen von Polizei und Presse? Ihm sei es nicht darum gegangen, einfach zu bewerten und zu verurteilen, sagt Riedhof. „Der Zuschauer soll immer in dem Moment auch bei den Figuren sein und sich selber fragen: Was würde ich machen?“

Perspektive der Geiseln mehr Raum geben

„Gladbeck“ beleuchtet das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln: aus der Sicht von Polizei, Journalisten und Geiseln. Letzteren vor allem wollten sie endlich mehr Raum ­geben, wie Grimme-Preisträger Riedhof („Homevideo“) erklärt. Silke Bischoff zum Beispiel, die beim finalen Zugriff der Polizei durch einen Schuss aus Rösners Waffe ums Leben kam.
Und dem 15-jährigen Emanuele De Giorgi, der von Degowski im gekaperten Bus erschossen wurde. Den Tätern aber habe er keine Nahaufnahme im klassischen Sinne schenken wollen, sagt Riedhof. „Wir erzählen nicht aus ihrer Sicht – sie sind für uns keine Identifikationsfiguren.“
Nach Gladbeck überarbeitete die Polizei grundlegend die Einsatztaktik, der Presserat legte fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf.

von Dorit Koch

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