Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Wie Schalkes Macher an die Macht kam
Marburg Wie Schalkes Macher an die Macht kam
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:15 30.07.2018
Politik trifft Bundesliga: Hessens Finanzminister und CDU-Kreisvorsitzender Dr. Thomas Schäfer (von links), CDU-Direktkandidat Dirk Bamberger und Schalke-Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies nach dem Tönnies-Vortrag in Marburg. Quelle: Till Conrad
Marburg

Tapfer bemühte sich Dirk Bamberger, der CDU-Landtagskandidat für den östlichen Teil des Landkreises, am Ende des Auftritts von Clemens Tönnies noch einmal darauf hinzuweisen, dass am 28. Oktober ein neues Landesparlament gewählt wird und er, Bamberger, in dieses Parlament gewählt werden möchte. Das Publikum nahm es noch gerade so zur Kenntnis – zu sehr war es noch eingenommen von dem Vortrag von Clemens Tönnies, dem Vorstandsvorsitzenden des Kult-Bundesligisten Schalke 04.

Warum so einer überhaupt zur CDU Marburg-Biedenkopf kommt, ist schnell erklärt: CDU-Kreisvorsitzender Thomas Schäfer – er kandidiert im westlichen Kreisteil – und Tönnies lernten sich einst auf einer Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes kennen, und Schäfer überredete Tönnies, einmal vor der CDU Marburg-Biedenkopf zu sprechen.

Und die Gäste erlebten einen Clemens Tönnies, der so ganz dem Klischee des bodenständigen, direkten und selbstbewussten Ruhrpottlers entspricht, der „auf Schalke“ das Sagen hat – weil er, der erfolgreiche Unternehmer, den Verein zu einem wirtschaftlich denkenden Unternehmen weiterentwickelt hat. „Kurz vor dem Tod meines Bruders habe ich ihm versprochen, Schalke zu helfen, wenn ich muss“, erzählt Tönnies. Das war 1994, Bernd Tönnies war Vorstandsvorsitzender von Schalke bis zu seinem Tod, „und drei Monate später stand Rudi Assauer vor der Tür“.

Clemens Tönnies schaute sich den Laden erst einmal an. Und erlebte eine Jahreshauptversammlung, in der der frühere Nationalspieler Helmut Kremers zum Präsidenten gewählt wurde, „weil er eine gute Rede hielt“. Kremers soll, so hält sich die Legende, in seiner Bewerbungsrede gesagt haben: „Wenn wir früher gegen die Zecken gespielt haben, haben wir uns dafür nicht mal umgezogen.“ Das reichte für die Wahl.

Kremers meinte mit „die Zecken“ natürlich den Ruhrpott-Rivalen Borussia Dortmund, und wenn Tönnies von der Rede spricht, wiederholt er genüsslich das böse Wort von den „Zecken“ – sodass einigen Gästen wie dem Vorsitzenden der CDU-Kreistagsfraktion, Werner Waßmuth, einem ebenso bekennenden wie glühenden Dortmund-Anhänger, ganz ungemütlich wird. Kremers jedenfalls wurde gewählt, doch laut Tönnies ging es „nur gegeneinander“, aber „ich bin dennoch geblieben“. Und setzte ein Vierteljahr später nach dem Rücktritt von Helmut Kremers gleich eine Satzungsänderung durch.

Seitdem wählt die Mitgliederversammlung den Präsidenten nicht mehr direkt, sondern stattdessen einen Aufsichtsrat, der wiederum ein Präsidium beruft. Ganz wie in der Wirtschaft, aus der Clemens Tönnies als Inhaber des größten Schlachtbetriebs Deutschlands jede Menge Erfahrung mitbringt. Tönnies jedenfalls zog selbst in den Aufsichtsrat ein, wurde 2001 Aufsichtsratschef. „Ich hab das Ruder von Rudi übernommen“, berichtet er in Marburg. Ob er und Assauer tatsächlich so eng befreundet waren, wie Tönnies in Marburg glauben macht, ist ungewiss – als Assauer, bis dahin Manager auf Schalke, auf den Vorstandsvorsitz weggelobt werden sollte, warf die Legende das Handtuch.

Unter Tönnies baute Schalke 04 die Veltins-Arena und als einer der ersten Bundesligisten ein großes Ausbildungszentrum. Und der Aufsichtsratschef versucht, den Spagat zwischen Tradition und dem professionellen Großbetrieb Schalke 04 zu meistern: Die Tradition steht ganz oben, das Kumpelhafte, Bodenständige zeichnet Schalke 04 aus. „Aber nur damit geht es nicht“, sagt er in Marburg.

Tönnies selbst fädelte 2007 den hoch umstrittenen Deal mit dem Hauptsponsor Gazprom ein, und wenn er davon erzählt, klingt das Ganze so, als sei das allein sein Werk gewesen. „Kein Problem, ich frag mal den Schröder“, zitiert er sich selbst aus den Beratungen seinerzeit, wie man denn Kontakt zu den Russen herstellen könne. Den Gazprom-Vorstandsvorsitzenden Alexej Borissowitsch Miller will er für den Deal gewonnen haben, indem er ihm versprach: „Wir helfen der Jugendarbeit von Zenit St. Petersburg auf die Beine.“

Der Macher ist auf Schalke nicht unumstritten, hält sich aber am Ruder – zuletzt bei den Aufsichtsratswahlen im Mai. Vielleicht ist seine Erfolgsgeschichte diese: „Wir haben Milliardäre unter unseren Mitgliedern, wir haben viele Selfmade-Unternehmer, und wir haben eine breite Schicht von sozial Schwachen. Es bleibt deshalb dabei, dass wir die Eintrittspreise in der Nordkurve moderat halten.“ Irgendwie klingt das nicht nur wie das Erfolgsrezept für Schalke 04, sondern auch ein wenig wie ein Ratschlag an eine Volkspartei.

von Till Conrad