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Marburg Wetter, Fußball und Netflix schaden Kinos
Marburg Wetter, Fußball und Netflix schaden Kinos
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16:00 23.02.2019
Ein Blick auf das Marburger Cineplex: In der Dunkelheit werden große Banner aktueller Filme angestrahlt. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Das monatelange tolle Sommerwetter, die Fußball-Weltmeisterschaft, Streamingdienste wie Netflix, Amazon oder Maxdome – all dies führt die deutsche Kinobranche für einen dramatischen Rückgang der Besucherzahlen an. 105,4 Millionen Kinogänger wurden nach Auskunft der Filmförderungsanstalt 2018 bundesweit gezählt. Es sind die schlechtesten Zahlen seit 1992. 2017 hatten noch 122,3 Millionen Menschen für einen Film im Kino bezahlt. Das macht im Vergleich zu 2018 ein kräftiges Minus von 13,9 Prozent – bei gleichbleibenden oder gar steigenden Kosten für die Unterhaltung der Kinos. 

„Bei uns war das Jahr 2018 auch nicht gut“, sagt Marion Closmann, die in Marburg das Cineplex und das Capitol-Center betreibt. Minus 13 Prozent im Cineplex und minus 7 Prozent im Capitol-Center lauten die nackten Zahlen.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) verwies schon vor Veröffentlichung der Bundes-Zahlen auf Ursachen des erwarteten Einbruchs: „Das ist eine Momentaufnahme, die Gründe sind bekannt: Es gab ­eine Fußball-WM und einen heißen langen Sommer. Das merken die Kinos sofort“, hatte Grütters der Deutschen Presse-Agentur gesagt.

Ein weiterer Grund ist wohl vor allem die wachsende Konkurrenz der Streamingdienste, die ihr Angebot stetig ausweiten und den Kinos zunehmend Schwierigkeiten bereiten. Hinzu kommt die Technik: TV-Geräte werden immer größer und versprechen – zumindest laut Werbung – ein Kinoerlebnis im heimischen Wohnzimmer. Laut einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts GfK nimmt die Streamingnutzung deutscher Zuschauer weiter rasant zu. Das Branchenmagazin „werben & verkaufen“ meldete: Vom dritten zum vierten Quartal 2018 stieg die Zahl der Nutzer um 14 Prozent oder 2,3 Millionen Nutzer. Ende vergangenen Jahres nutzten 18,8 Millionen Kunden Video on Demand. Vor allem junge Menschen greifen auf die Streaming-Angebote zurück.

Kino-Hits blieben 2018 aus

Liegt der Rückgang vielleicht auch an den Filmen selbst? Überraschungshits wie „Ziemlich beste Freunde“, der in Deutschland neun Millionen Zuschauer erreichte, oder die „Fack ju Göhte“-Reihe, deren drei Teile in Deutschland mehr als 20 Millionen Menschen ­sahen, blieben aus. Nicht einer der erfolgreichsten Filme schaffte es im vergangenen Jahr über die Marke von vier Millionen Besuchern. Spitzenreiter war 2018 „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ mit 3,6 Millionen verkauften Tickets vor „Avengers: Infinity War“ (3,4 Millionen) und „Fifty Shades Of Grey – Befreite Lust“ (3 Millionen).

Von deutschen Produktionen lockte „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ mit 1,8 Millionen verkauften Tickets die meisten Besucher in die Kinos. Auf Platz zwei ebenfalls ein Kinderfilm: „Die kleine Hexe“ wollten 1,6 Millionen Menschen im Kino sehen. Dahinter landete „Dieses bescheuerte Herz“ mit 1,4 Millionen Besuchern.

Der Besucherrückgang hat letztlich Auswirkungen auf die Kinolandschaft. Dr. Thomas Negele, Vorsitzender des Hauptverbands deutscher Filmtheater (HDF), forderte in einem Positionspapier bereits im Dezember 2017 staatliche Hilfen für die Kinos. Deren Zukunft sei in der Fläche bedroht. Noch gibt es für jeden im Umkreis von etwa 25 Kilometern ein Kino. Und die sind nach Ansicht von Negele „hauptverantwortlich für den Erhalt des verbleibenden Einzelhandels und der Gastro-Szene“. In Marburg ist das rund um das Cineplex in der Stadtmitte geradezu exemplarisch zu beobachten. Viele Gastro-Betriebe entstanden erst nach Eröffnung des hochmodernen Kinos.

Marion Closmann bleibt optimistisch

Ohne staatliche Unterstützung sieht Thomas Negele schwarz für viele Kinos insbesondere­ in Klein- und Mittelstädten. Seit 2014 erlebten die Kinos einen nicht wellenartigen Reichweitenverlust, der den digitalen Unternehmen in die Hände­ spiele. Negele: „Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den langfristigen Tod oder das Aufleben des Kinos.“ In Frankenberg etwa hat das letzte ­Kino jüngst geschlossen.

Marion Closmann hofft auf 2019 und bleibt optimistisch. Sie sagt aber auch: „Das Überleben der Kinos muss jedem Verantwortlichen wichtig sein. Wir holen die Leute in die ­Innenstädte.“ An die Kinobesucher gewandt, meint sie: „Wer das Programm schätzt, muss es auch nutzen.“

von Uwe Badouin