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So richtig dick aufgetragen

Marburger Kunstverein So richtig dick aufgetragen

Farbe satt gibt es auf 
den Gemälden von 
Christopher Lehmpfuhl, der ab heute im Marburger Kunstverein ausstellt. 
Der Berliner bringt die 
Ölfarbe mit vollen Händen auf die Leinwand.

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Christopher Lehmpfuhl präsentiert im Kunstverein erstmals diese 15 Meter lange Ansicht des Berliner Schlossplatzes.

Quelle: Heike Döhn

Marburg. Und das ist nicht sinnbildlich gemeint: Der Künstler malt seine Bilder tatsächlich mit den Händen. Seit etwa zehn Jahren verzichtet er komplett auf Pinsel und trägt die Farbe mit den Fingern auf. Seine zum Teil sehr großformatigen Gemälde entstehen schnell und konzentriert, „in einem Guß“, wie der Künstler sagt. Alles muss „sitzen“, Korrekturen sind bei der geradezu reliefartig dicken Farbe kaum noch möglich.

Diese Art zu malen empfindet Lehmpfuhl als viel direkter als die Arbeit mit Pinsel oder einem anderen Hilfsmittel, „der direkte Kontakt mit der Farbe ist extrem sinnlich“, sagt er. Sinnlich sind auch seine Arbeiten, vor allem Landschaften und Stadtansichten, die allesamt vor Ort, also „plein air“ entstanden sind. Dabei wirken auch die Temperatur und die Elemente auf seine Arbeit ein, „es ist ein großer Unterschied, ob ich bei Minus 20 Grad oder bei 30 Grad male, ob es regnet oder schneit“. Als „Malschwein“ würden ihn seine Kollegen angesichts seiner Arbeitsweise bezeichnen, erzählt Lehmpfuhl – das sei aber positiv gemeint. Man könne ihn auch als „malenden Bildhauer“ benennen. Und tatsächlich sind seine Gemälde geradezu plastisch, die Farbschichten bis zu fünf Zentimeter dick.

Bilder sind Teil eines umfangreichen Zyklus

Ihr Herkommen von der klassischen Moderne ist nicht zu übersehen: Sieht man von Nahem nur Farbmassen, gewissermaßen Malerei pur, so setzen diese sich aus etwas Entfernung zu beinahe realistischen Motiven zusammen: schillernde Wasserflächen, flirrendes Licht zwischen Bäumen, Autoscheinwerfer auf nasser Straße.

Während im Erdgeschoss Landschaften der Dolomiten oder der Ostsee zu sehen sind, ist der erste Stock einem Großprojekt des Künstlers gewidmet: Seit fast zehn Jahren begleitet Lehmpfuhl die Veränderung des Schlossplatzes in Berlin, vom Abriss des Palasts der Republik über die temporäre Kunsthalle an diesem Ort, die Brache, die Ausgrabungen bis zu allen Bauphasen des Stadtschlosses. „Das ist ein Stück deutsch-deutsche Geschichte, das ich dokumentiere“, sagt Lehmpfuhl. Der Platz sei der wichtigste Hotspot von Berlin, „mehr Berlin geht nicht“.

Regelmäßig steht er an verschiedenen Standorten rund um den Platz und malt das jeweilige Antlitz des Ortes, und das oft in sehr großem Format. So ist in Marburg ein aus acht Tafeln zusammengesetztes, 15 Meter langes Werk zu sehen. „Ich stelle diese großen Formate meines Zyklus in Marburg zum ersten Mal aus, das ist wie eine Generalprobe“, sagt er.

Lehmpfuhl: Der Saal ist ideal für diese Bilder

Entstanden sind bereits etwa 110 Bilder in diesem Projekt, das Lehmpfuhl bis 2019 abgeschlossen haben will. Dann soll es eine gewaltige Ausstellung mit allen bis dahin etwa 130 Arbeiten geben – wo, darf er noch nicht verraten. Eine reine Dokumentation ist der Zyklus jedoch nicht, die Ansichten setzen sich aus unterschiedlichen Perspektiven zusammen, der Betrachter wird immer wieder irritiert und muss manchmal suchen, an welcher Stelle er sich gerade befindet.

„Der große Ausstellungssaal im Obergeschoss des Kunstvereins ist ideal für diese Bilder“, sagt Lehmpfuhl, der drei großformatige von ihnen nach Marburg mitgebracht hat. Lehmpfuhl hat aber auch zwei Gemälde extra für diese Ausstellung geschaffen: Im April war er in der Universitätsstadt, um oben auf dem Schloss zu malen. Die Ergebnisse sind auch drei Monate danach noch nicht ganz trocken, wie der leichte Farbgeruch im Ausstellungshaus verrät.

  • Eröffnet wird die Ausstellung „Stadt – Land – Fluss“ diesen Freitag, 28. Juli, um 18 Uhr. Die Einführung hält Dr. Thomas Gädeke. Die Werke sind anschließend bis zum 14. September zu sehen.

von Heike Döhn

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