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Marburg Wie ein Phönix aus der Asche
Marburg Wie ein Phönix aus der Asche
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00:18 29.09.2018
Hanno Könings und Gerhild Fietze sind glücklich, mit ihrem Bauwagen-Café zurück im Northampton-Park zu sein. Quelle: Freya Altmüller
Marburg

„Hier ist es fast wie in einem Déjà-vu“, sagt Hanno Könings. „Die acht Monate dazwischen sind wie ausgelöscht.“  Wenn der Cafébetreiber im Bauwagen steht, ist bis auf wenige Details alles wie vorher. Die Fließen, die die Wand zieren, sind jetzt schwarz-weiß statt blau und die Knöpfe an den Schränken sind andere. Aber sonst hat Könings das Gefühl, noch immer in demselben Bauwagen zu stehen, der im Dezember vergangenen Jahres komplett ausgebrannt ist.

Nur noch das Metallgerüst und die Reifen konnten Könings und seine Kollegin Gerhild Fietze wieder verwenden. Und die runde Fensterluke an der Rückseite sowie den Metallrahmen vom Menü-Schild. Alles andere haben sie neu gemacht – und noch mehr Zirkuswagen-Charme in ihr Café Soleil gebracht. Denn jetzt ist alles von innen und außen mit Holz verkleidet, außen prangt eine große gelb-rote Sonne auf dem Wagen.

Der Wiederaufbau war Millimeterarbeit, denn nichts hat in dem Wagen einen rechten Winkel. „Messen, sägen, schrauben“ – bei jedem Bauteil sei das die Prozedur gewesen, erklärt Hanno Könings. Die beiden sind froh, dass die Arbeit geschafft ist. Leicht war es nicht. Erst haben Kälte und Regen im Winter das Arbeiten schwer gemacht, dann die Hitze. Deshalb ist der Wagen auch rund zwei Monate später fertig geworden als erhofft. Anfangs hatte Könings Angst, dass dem Café noch einmal das gleiche passiert, es abgebrannt oder anderweitig beschädigt wird.

Deshalb hat er die ersten Nächte im Bauwagen verbracht. „Fast jedes Mal war die Ordnungspolizei ein bis zweimal da“, erzählt er. Außerdem sei das Müllaufkommen drastisch gesunken. Früher habe er manchmal nach einer Nacht am Wochenende fünf oder sechs Säcke eingesammelt. Bisher sei es insgesamt noch nicht einmal ein Sack Müll gewesen. „Es ist ruhiger geworden“, sagt Könings. Auch das absolute Alkoholverbot trage dazu bei. Zurzeit mache er sich eigentlich keine Sorgen.

„Wir wussten nicht, wie viele Freunde wir haben“

Und auch Gerhild Fietze zeigt sich zuversichtlich: „Ich denke einfach, so was passiert nicht zweimal.“ Zum geglückten Wiederaufbau beigetragen haben auch die rund insgesamt 4 500 Euro, die zahlreiche Marburger dafür gespendet haben. Fietze erinnert sich an die Zeit unmittelbar nach dem Brand: „Wir haben einfach erst mal angefangen und dann war das Geld dafür auch schnell da.“ Andere Gastronomen haben eine gebrauchte Kaffeemaschine und eine -mühle gespendet.

„Wir wussten nicht, wie viele Freunde wir haben“, sagt Hanno Könings. Das habe der Brand ihm und seiner Kollegin deutlich gemacht. Sogar ehemalige Marburger Studenten hätten gespendet. In einem sozialen Netzwerk habe eine Frau nach dem Brand geschrieben: „Heute trauern in Marburg jedes Kind und jeder Erwachsene.“

Heute hat die Kundschaft das Café schon wieder für sich entdeckt. „Emilchen, du hast ‚ne total schicke Sonnenbrille!“, sagt Könings zu einem Kleinkind, das mit seinen Eltern auf einem Fahrrad vorbeikommt. „Die Leute freuen sich alle wie verrückt“, sagt Gerhild Fietze. „Sie sagen, es war so leer hier ohne euch!“ Von dem alten Bauwagen ist noch eine Postkarte geblieben, ein Aquarell, das die Cafébetreiber zum Kauf anbieten. Das einzige, was dem Bauwagen noch im Vergleich zu dem gemalten fehlt, ist eine rote Mülltonne davor.

  • Das Café Soleil hat von montags bis freitags ab 14 Uhr geöffnet, samstags ab mittags und sonntags ab vormittags, jeweils bis zum Einbruch der Dunkelheit und noch bis zum 31. Oktober in diesem Jahr.

von Freya Altmüller