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Intrigen in einer modernen Arche Noah

OP-Buchtipp: T.C. Boyle: „Die Terranauten“ Intrigen in einer modernen Arche Noah

„Nichts rein, nichts raus“: Dieses Motto gilt für vier Männer und vier Frauen, die US-amerikanische 
Autor T.C. Boyle in seinem neuen Roman in einem Terrarium in der Wüste Arizonas einschließt.

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Der US-amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle schreibt in seinem neuen Roman „Die Terranauten“ über ein ungewöhnliches Experiment.

Quelle: Henning Kaiser, Hanser Verlag

Ein großer Burger mit Pommes und Cola: Das ist es, was sich Protagonist Ramsay Roothoorp nach zwei Jahren in einem 
riesigen, von der Außenwelt 
getrennten Terrarium am sehnlichsten wünscht.

In T.C. Boyles (68) neuem Roman „Die Terranauten“ lebt er 24 Monate lang mit sieben Gleichgesinnten unter einer gläsernen Kuppel – freiwillig und im Dienste der Wissenschaft, die in der Wüste Arizonas ein geschlossenes und lebensfähiges Ökosystem aufbauen will.

Was für die acht Terranauten als große Ehre beginnt, endet in persönlichen Intrigen und menschlichen Abgründen. Angereichert hat Boyle das in seinem bei Hanser erschienenen Roman mit einer Art natur­verliebtem Big-Brother-Charme und jeder Menge Satire. Das Ergebnis ist trotz einiger Anlaufschwierigkeiten in den ersten Kapiteln so, wie man es sich von einem Boyle-Roman erwartet: zufriedenstellend, aber auch ein wenig verstörend.

„Das menschliche Experiment“ beginnt in Arizona

Die Erzählung basiert auf einer wahren Geschichte: In den 90er Jahren wurde in Arizona versucht, eine von Plagen, Katastrophen und Krisen unabhängige und funktionsfähige Welt zu erschaffen – die sogenannte Biosphere 2, die in Boyles Fassung des überdimensionierten Glashauses „Ecosphere 2“, kurz E2, heißt.

Die Grundpfeiler des realen Projekts hat Boyle übernommen: Das Terrarium ist 1,3 Hektar groß, von einem Milliardär ins Leben gerufen worden und soll, wenn alles glattgeht, ein Ökosystem mit 3800 Pflanzen- und Tierarten aufbauen, das eines Tages vielleicht sogar das Leben auf fremden Planeten ermöglichen könnte. Eine 
Welt soll erschaffen werden, die im Moment des Untergangs der echten zu einer modernen Arche Noah wird – so weit die Theorie.

Es ist März 1994, als „das menschliche Experiment“ in Arizona beginnt. Die Konkurrenz um die acht Plätze als Terranauten ist groß. Dawn und Ramsay, zwei der drei abwechselnden erzählenden Figuren, schaffen es unter die Auserwählten, Linda, die dritte Erzählerin, bleibt auf der Strecke.

Während Dawn und Ramsay strahlend und in ferrari­roten Overalls in ihre neue Welt eintreten und sich wie „Erhalter und Bewahrer dieser Welt, Götter unter Glas“ fühlen, muss Linda das Ganze von außen für einen Hungerlohn beobachten.

Verbitterung, Egozentrik und Sex in der Ecosphere

„Nichts rein, nichts raus“ lautet das Motto des Projektes – um alles auf der Welt wollen die Terranauten verhindern, dass die Luftschleuse zwischen ihrem Planeten, E2, und der wirklichen Erde, E1, auch nur für 
einen Moment geöffnet wird.

Was von den manipulativen Machern als zukunftsträchtiges Forschungsprojekt an Touristen und Medien vermarktet wird, ist aber in erster Linie eines: ein soziologisches Experiment. Während sich die Terranauten um Nahrungsbeschaffung, Viehzucht und Sauerstoffwerte kümmern, geht es im Grunde vor allem darum, wie Männer und Frauen miteinander klarkommen, wenn sie zwei Jahre lang miteinander auf begrenztem Raum eingeschlossen sind. Dabei geht es bei Boyle, unweigerlich, um Sex – und der sorgt nach einigen dahintrottenden Kapiteln zur Hälfte des Romans dafür, dass die Handlung rasant Fahrt aufnimmt.

Die Schilderungen der drei Charaktere bringen die Handlung kontinuierlich weiter, quälen den Leser aber auch. Dawn ist dabei mit ihrer romanti­sierenden Schilderung der schönen, neuen Welt noch das kleinste Übel, verglichen mit Ramsays Egozentrik und Lindas wachsender Verbitterung. Vielleicht muss das so sein – Boyle 
wollte mit seinen Werken seit 
jeher nicht nur unterhalten, sondern auch fordern.

Der Mensch bleibt der Mensch

Witzig und „very sexy“ solle er werden, sagte der US-Amerikaner vor knapp zwei Jahren in 
einem Interview der Nachrichtenagentur dpa in der Schaffensphase über den Roman. Zumindest an Erotik fehlt es nicht auf den 608 Seiten. Boyle paart das Sexualverlangen der Protagonisten mit Konkurrenzdenken, Egoismus, Wut, Hass, Frust, Selbstzweifeln, aber auch Liebe. Herausgekommen ist ein Roman, der lesenswert ist – auch wenn einige Seiten weniger der Dichte der Erzählstoffs sicher gutgetan hätten.

Obwohl die Handlung vor mehr als zwei Jahrzehnten spielt, passt sie angesichts von Klimawandel und Überbevölke­rung in die heutige Zeit. „Alles, 
was draußen geschah – die Schießereien, die Putsche und politischen Manöver, die Katastrophen und Epidemien, das unaufhörliche, hoffnungslose Leid der Menschheit –, gehörte zu einer anderen Realität“, sagt Dawn zu Beginn.

Führt man sich jüngste politische Entwicklungen der realen Welt vor Augen, ist das durchaus eine wünschenswerte Vision. Bei all dem bleibt aber auch die Erkenntnis: Der Mensch bleibt der Mensch, ob auf der Erde 
oder sonst wo. Und schließlich ist es auch auf der E1, „in 
ihrer ganzen Herrlichkeit“, wie Ramsay sagt, gar nicht mal so schlecht.

  • T.C. Boyle: „Die Terranauten“, Hanser Verlag, 608 Seiten, 26 Euro.

von Steffen Trumpf

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