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Marburg Psychiaterin: Angeklagter schuldunfähig
Marburg Psychiaterin: Angeklagter schuldunfähig
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00:19 16.09.2018
Im November 2017 legte der Angeklagte in einem Wohnhaus Feuer. So lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Quelle: Michael Hoffsteter / Archiv
Marburg

Dass der Angeklagte die ihm vorgeworfenen Taten begangen hat, gilt nach den vergangenen drei Verhandlungstagen (wir berichteten) und insbesondere nach dem Gutachten des Brandsachverständigen mittlerweile als ­erwiesen. Im Landgericht wurde die Hauptverhandlung im Prozess gegen den mutmaßlichen Brandstifter daher abgeschlossen. Eigentlich – denn ein Urteilsspruch erfolgt jedoch erst noch.

Der Gutachter des Landeskriminalamtes (LKA) trug seine Erkenntnisse vor. Dabei bestätigte er größtenteils die bisherigen Ermittlungen – und untermauerte auch die Einlassung des Angeklagten. Dieser hatte zu Beginn des Prozesses gestanden, das Feuer entfacht zu haben. Er habe ein Stück Papier in ein brennendes Teelicht geschoben und die dadurch entstandene Flamme mithilfe weiteren Papiers zu ersticken versucht. Die „Löschversuche“ führten nach Einschätzung des Sachverständigen zu einer Ausbreitung des Brandes, der schließlich in ­einem Vollbrand der Wohnung ­eskalierte (wir berichteten).

Richter: Letztlich nur „Kaffeesatzleserei“

Warum der Mann für die Feuerbekämpfung ausgerechnet Papier wählte, dessen Brennbarkeit allgemein bekannt sei, „erschließt sich mir nicht“, gab der Fachmann kopfschüttelnd zu Protokoll.

Ob die Papier-Geschichte­ nun der Wahrheit entspricht oder nicht – die Verantwortung für den Wohnungsbrand trägt der Angeklagte. Der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm unterbrach die Diskussionen über den genauen Tathergang mit dem Hinweis, man betreibe letztlich nur „Kaffeesatzleserei“.

Als viel entscheidender könnte sich letztlich die Einschätzung des Brandsachverständigen in Hinblick auf eine mögliche Ausbreitung des Brandes erweisen: Es sei „unwahrscheinlich und in dem vorliegenden Fall unmöglich“, dass sich das Feuer von der obersten Etage in die weiteren Geschosse hätte ausbreiten können.

Grund dafür sei die Tatsache gewesen, dass das oberste Stockwerk des Hauses nachträglich aufgebaut worden sei – somit bestand keine direkte Verbindung zu den unten liegenden Wohnungen außer einer nicht brennbaren Betondecke.

Anklage: Brandstiftung
 und versuchter Mord

Dem Beschuldigten wirft die Staatsanwaltschaft dennoch schwere Brandstiftung und versuchten Mord vor. Man gehe ­davon aus, dass er bei der Tat den Tod der weiteren Hausbewohner zumindest billigend in Kauf genommen habe, heißt es in der Anklageschrift.

Die Verteidigung sieht das ­erwartungsgemäß anders und kann sich bei ihrer Strategie auf die Beurteilung der psychiatrischen Sachverständigen stützen. Diese bestätigte in ihrem Gutachten die bei dem Angeklagten schon 1999 gestellte­ ­Diagnose einer bipolaren affek­tiven Störung. Da sich der ­Angeklagte zum Tatzeitpunkt in ­einer manischen Phase seiner­ Erkrankung befunden habe, ­attestierte ihm die Sachverständige Schuldunfähigkeit.

Noch unklar: Was wollte der
 Angeklagte erreichen?

Die augenscheinliche Unbetroffenheit von den Auswirkungen seiner Tat weise darauf hin, dass er die Folgen nicht habe einschätzen können – nach der vorläufigen Auffassung des Gerichts reiche dies aus, um dem Angeklagten den für den Mordvorwurf essenziellen Vorwurf des „natürlichen Vorsatzes“ abzusprechen.

Der Staatsanwalt zeigte sich überrascht von dieser Auslegung und erbat Aufschub bis, um sich auf sein Plädoyer vorzubereiten.
Die Frage, in der sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft noch uneins sind, lautet also: Was wollte der Angeklagte in seinem verwirrten Zustand mit dem Feuer erreichen?

von Melchior Bonacker