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Marburg Den Brauereien geht das Leergut aus
Marburg Den Brauereien geht das Leergut aus
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00:17 29.07.2018
Ein Blick in die Abfüllung der Brauerei Bosch: Dort ist der Leergut-Mangel noch nicht so schlimm wie bei anderen Brauereien – dennoch würde sich auch die Bad Laaspher Brauerei freuen, wenn Kunden ihre leeren Flaschen und Kisten zurückbrächten. Quelle: Privatfoto
Marburg

Leere Bierkästen werden im heißen Sommer zur Mangelware: Wegen der anhaltenden Hitze läuft die Produktion in den Brauereien derzeit auf Hochtouren. Doch mittlerweile sind auf den Höfen vieler Brauereien die Leergut-Vorräte bedenklich geschrumpft. Die ungewöhnlich lange Hitzeperiode hätte die Berechnungen der Brauereien über den Haufen geworfen, berichtete etwa Niklas Other, Herausgeber des Branchenmagazins „Inside“.

„Es ist eine branchenweite Dramatik in dem Thema“, sagte Other. Einige Brauer könnten bestimmte Sorten bereits nicht mehr abfüllen. Am härtesten treffe es die Getränkehändler, die sich über mangelnde Investitionen der Brauereien bei der Anschaffung von Getränkekästen beklagten.

Auch der Deutsche Brauer-Bund berichtete von einer in diesem Jahr „besonders ausgeprägten“ Leergutknappheit.­ Gerade in den Sommermonaten könne es immer wieder zu Leergut-Engpässen kommen, sagte­ Sprecher Marc-Oliver Huhnholz. Die Branche appelliert deshalb an ihre Kunden, Leergut möglichst „zeitnah“ in den Handel zurückzubringen.

Mit einem auf Facebook veröffentlichten Hilferuf hatte zuvor die Bochumer Brauerei Fiege für eine möglichst schnelle Rückgabe von leeren Bierkästen geworben. Die „WAZ“ hatte­ ­darüber berichtet. „Obwohl wir regelmäßig neues Leergut nachkaufen, werden in unserer ­Abfüllung gerade die Flaschen knapp“, hieß es dort. Sorgen­ ­bereiten der Branche derzeit ­leere Kästen, die während der Urlaubszeit ungenutzt in den Kellern stehen. „Erst Pfand, dann (P)ferien“, hieß es in dem Aufruf der Brauerei.

Bei den Fiege-Konkurrenten Veltins und König-Pilsener berichteten Sprecher, es seien bereits zusätzliche Bierkästen bei den Herstellern geordert worden, während eine Warsteiner-Sprecherin keine Engpässe bestätigen konnte. Erschwert wird das Problem auch von individualisierten Getränkeflaschen der Brauereien, die einen Austausch unter den Brauereien unmöglich machen.

Lage bei Bosch „noch nicht dramatisch“

Veltins-Sprecher Ulrich Biene verwies auf historische Höchstmarken, die der Absatz der Brauerei in den Monaten Mai und Juni erreicht habe. „Wir haben viele tausend Kästen nachbestellt“, sagte Biene. Bei der Belieferung von Händlern könne es jedoch zu Wartezeiten kommen.

Und wie sieht es in der Region aus? Vor drei Jahren hatte die Brauerei Bosch in Bad Laasphe auf Facebook einen Hilferuf gestartet – weil das Leergut bei den Wittgensteinern knapp wurde.

Wie ist die Lage bei Bosch derzeit? „Wenn ich aus meinem Büro auf unseren Brauereihof schaue, dann sieht das wahrlich nicht üppig aus“, sagt Braumeister Dirk Höbener im Gespräch mit der OP. „Wir haben auch diverse Probleme, an unser Leergut heranzukommen, aber es ist noch nicht dramatisch.“ Woran der Leergut-Mangel liege, lasse sich so leicht nicht sagen. „Zum einen sind wir seit Jahren im Aufwärtstrend, unser Bier wird stark nachgefragt – das trägt natürlich dazu bei, dass wir unseren Kundenstamm vergrößern und somit das Vollgut weiter aus unserem Kernbereich herausgeht“, sagt Höbener.

Entsprechend länger würden die Distributionswege – und entsprechend länger auch, bis das Leergut zurückkomme. „Der andere Grund ist der lang anhaltende wunderbare Sommer, den wir genießen – und der dazu führt, dass Feste bestens besucht sind und viel Bier genossen wird“, meint Höbener. Selbst die Fußball-WM habe trotz des frühen Ausscheidens der deutschen Mannschaft dazu beigetragen, dass mehr Bier getrunken worden sei.

Licher-Brauerei sieht sich für Sommer „gut gerüstet“

„Und auch die Urlaubszeit ist ein Punkt – einige Kunden ­haben Voll- oder Leergut im ­Keller stehen und sind in die ­Ferien aufgebrochen“, vermutet der Braumeister.

Auf den Leergut-Mangel von vor drei Jahren habe man reagiert und entsprechend Flaschen und Kisten nachgekauft, im kommenden Monat komme zunächst eine neue Flaschensorte ins Programm. Wie viele Kisten genau im Umlauf sind, kann der Braumeister nicht ­beziffern. Der relative Leergut-Mangel habe aber auf jeden Fall derzeit noch keine Auswirkungen auf die Produktion.

„Wir haben für den Notfall aber auch einen Plan B, der noch nicht greifen muss“, sagt er. Der Plan sehe vor, entsprechend einige Sorten nicht so üppig abzufüllen, „sondern zunächst die Hauptsorten zu bedienen. Aber momentan gehen wir davon aus, dass wir durch den Sommer kommen – trotzdem wäre uns sehr geholfen, wenn die Kunden ihr Leergut zurückbringen würden“, sagt Dirk Höbener.

Insgesamt sind rund 180 Millionen Bierkästen im Einsatz

Wie ist die Lage südlich des Landkreises bei Licher? „In der Licher Brauerei sind wir mit Leergut ausreichend bevorratet und für weitere heiße Sommerwochen in der aktuellen Situation gut gerüstet“, so Geschäftsführer Dr. Ulrich Peters.

Bundesweit sind nach einer Hochrechnung der Brauerei insgesamt rund 500 Millionen Mehrweggetränkekästen im Einsatz, davon rund 180 Millionen von den Brauereien. Auch einzelne Mineralbrunnen hatten zuvor über Leergutengpässe geklagt.

von Andreas Schmidt und Uta Knapp