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Auf Tuchfühlung mit dem Publikum

„Brasssonanz“ Auf Tuchfühlung mit dem Publikum

Ein eindrucksvolles Bild: Elf junge Blechbläser stellen sich im Halbrund um den Schlagzeuger auf die Bühne. Und gleich mit der Ouvertüre aus Händels „Feuerwerksmusik“ bringt „Brasssonanz“ die Stadthallenwände zum Beben.

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Das Blechbläserensemble „Brasssonanz“ bei seinem Auftritt in der Marburger Stadthalle.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Zwar gab es im Auftaktstück zur Konzertverein-Saison noch kleine Wackler. Aber spätestens mit Johann Sebastian Bachs D-Dur-Orgel­präludium BWV 532 zeigten die aus Ensembles wie dem Bundesjugendorchester und der Jungen Deutschen Philharmonie hervorgegangenen jungen Musiker, dass sie den Vergleich mit renommierten Blechbläserensembles wie „German Brass“ nicht zu scheuen brauchen.

Und sie durften sich über viele „ganz, ganz junge“ Zuhörer freuen, wie Posaunist Magnus Schröder sagte – in den ersten Reihen. Dahinter hatten die „super jung Gebliebenen“ Platz genommen, wie der Moderator mit einem Augenzwinkern ergänzte und danach darauf verwies, dass Stereophonie keine Erfindung des 20., sondern des 16. Jahrhunderts ist.

Zum Beweis trug das nunmehr zehnköpfige Ensemble Giovanni Gabrielis Sonata XIII vor und nahm dazu wie dereinst im Markusdom von Venedig zu beiden Seiten des hinteren Parketts Aufstellung: ein wundervolles Raumklangerlebnis – hoffentlich auch für das Publikum, dem die Musiker direkt in die Ohren bliesen, wofür sich Schröder im Anschluss mit einem Augenzwinkern entschuldigte.

Gestochen klare Töne

Dass Blechbläser in Orchestern für ihren besonderen Humor bekannt, ja berüchtigt sind, bewies der Moderator auch bei der Ankündigung von John Bastons C-Dur-Concerto Nr. 2 für Piccoloflöte. Deren Part übernahm auf der Piccolotrompete Samuel Walter, ein dem Instrument auch körperlich „angepasster Spieler“, wie Schröder sagte. Walter nahm es mit Humor, brillierte in den schnellen Ecksätzen mit gestochen klaren Tönen und bewies im langsamen Mittelsatz, dass sein ­Instrument auch schwelgerisch singen kann.

Hatte sich „Brasssonanz“ bis dahin den hellen Seiten des Konzertmottos „Eternal Light“ (Ewiges Licht) gewidmet, fielen mit Gustav Mahlers „Urlicht“ aus der ­„Auferstehungssinfonie“ auch erstmals Schatten auf die „Quelle des Lebens“.

Gedenken an Stalin-Opfer

Mit berückender Weichheit ließen die zehn Blechbläser den schlichten vokalen Volkston kongenial Klang werden, um sich anschließend mit bohrender Intensität Benjamin Brittens „Russian Funeral“ zu widmen, einem vom monotonen Takt der hart geschlagenen Trommel bestimmten Trauermarsch im Gedenken an die Millionen Toten, die Stalin auf dem Gewissen hat.

In lichte Höhen begaben sich nach der Pause drei der vier Trompeter mit Brittens „Fanfare for St. Edmundsbury“ und das gesamte Ensemble mit Georg Friedrich Händels Arie „Eternal source of light divine“ aus der „Ode for the Birthday of Queen Anne“, bevor sich Hörner, Posaunen und Tuba einem ihrer wichtigsten spätromantischen Komponisten widmeten: Anton Bruckner. Der aus Uruguay stammende Posaunist Enrique Crespo lotet in seiner „Bruckner-Etüde für das tiefe Blech“ klangsatt die tiefen Register aus.

Abschluss als Männerchor

Gut gelaunt, geradezu ausgelassen ließ „Brasssonanz“ zwei Sätze aus Gordon Langfords Stadtporträt „London Miniatures“ erklingen. Und zog den Hut vorm Jubilar des Jahres, Martin Luther, mit dem Choral „Nun freut Euch, lieben Christen g’mein“, dem sich einige swingene Variationen aus der Feder von Volker Bräutigam in Gedanken an Oscar Petersons „Jazzetüden“ anschlossen. Dem Publikum gefiel’s so sehr, dass „Brasssonanz“ noch einen Satz aus Georges Bizets „Carmen“-Suite zugab und sich mit Gabriel Rheinbergers „Abendsegen“ verabschiedete. Den überraschenden Schlusspunkt aber setzten die zwölf Musiker nicht musizierend, sondern zu den Worten „Denn es will Abend werden“ als eindrucksvoller Männerchor. Sodann begaben sie sich ins Foyer, um das Gespräch mit dem Publikum zu suchen – sehr sympathisch.

„Eternal Light“ ist ab Anfang kommenden Jahres auch auf CD erhältlich, ist der Internetseite www.brasssonanz.de zu entnehmen. Vorher aber geht das Ensemble noch auf China-Tournee.

Der Konzertverein setzt seine Spielzeit fort am Samstag, 11. November, ab 20 Uhr in der Stadthalle. Dort gastiert die Philharmonie Kiew mit Robert Schumanns Klavierkonzert und Bruckners fünfter Sinfonie.

  • Karten für die Konzerte dieser Saison gibt es nicht nur bei den bekannten Vorverkaufs­stellen, sondern erstmals auch online auf www.adticket.de

von Michael Arndt

 Blechbläserensemble „Brasssonanz“ eröffnete im Erwin-Piscator-Haus die Konzertverein-Saison. Foto: Thorsten Richter
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