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Bildhauer: Die documenta ist unsouverän

Streit um eine Skulptur Bildhauer: Die documenta ist unsouverän

Der Bildhauer Stephan Balkenhol wirft der documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev Zensurversuch und Engstirnigkeit vor.

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In der Turmspitze der Elisabeth-Kirche in Kassel steht eine Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol.Foto: Zucchi

Quelle: Uwe Zucchi

Kassel. Ein Mann im Glockenturm einer Kirche in Kassel erregt Anstoß bei der Leitung der in einem Monat beginnenden documenta 13. Die Skulptur des renommierten Bildhauers Stephan Balkenhol „störe erheblich“, sagte documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld am Mittwoch gegenüber dpa. Die künstlerische Leiterin fühle sich von der Figur „bedroht“, die mit der documenta 13 nichts zu tun habe.

Gestern äußerte sich der Künstler zu dem Eklat um seine Turmskulptur. Balkenhol sagte gegenüber der Mediengruppe Madsack, er sei „bestürzt“ und „traurig“ über die Vehemenz der Vorgänge.

„Ich verstehe die Engstirnigkeit nicht. Die documenta sollte souveräner sein. Sie sollte auf die Kraft der Werke, die sie präsentiert, vertrauen, anstatt zu verhindern, das irgendjemand etwas anderes macht.“ Für die Präsentation des Balkenhol-Werks sind das Bistum Fulda und die Katholische Kirche Kassel verantwortlich.

Sie zeigen parallel zur 13. Weltkunstschau in und auf der Sankt-Elisabeth-Kirche am Kasseler Friedrichsplatz Werke des Bildhauers, der seit 1992 Professor an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe ist. Vor wenigen Tagen habe ihn die documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev persönlich angerufen und „vorgewarnt“, sagte Balkenhol. Sie habe ihn ihrer Wertschätzung versichert, aber gesagt, dass seine Skulptur das documenta-Konzept erheblich störe.

Für den Bildhauer ist es ein Zensurversuch

„Frau Bakargiev sagte, sie möchte auf der documenta ganz auf Figuration und jegliche Repräsentation des menschlichen Körpers verzichten. Allerdings steht auf dem Platz bereits ein Denkmal für Friedrich II, seit 1992 befinden sich Thomas Schüttes ,Fremde‘ am Roten Palais und auf Dachfirsten stehen klassische Skulpturen. Hinzu werden Tausende Besucher kommen und Autos. Es wird immer Beeinträchtigungen geben“, sagte Balkenhol. Diese würden viel präsenter sein als die weit entlegene Turmskulptur in einem geschützten Raum in 30 Meter Höhe.

Balkenhol wirft der documenta-Führung Zensurversuch vor. „Es ist, als würde die Fifa an Austragungsorten jegliches Fußballspiel verbieten.“ Die Katholische Kirche vor Ort habe ihm grünes Licht gegeben, die documenta aber versuche, Begleitveranstaltungen zu verhindern.

„Es ist wirklich unglaublich. Die Evangelische Kirche wollte auch etwas machen und war schon mit Gregor Schneider im Gespräch, hat sich dann aber zurückgezogen und macht jetzt ein Vortrags- und Musikprogramm“, so der Bildhauer.

Seine Figur mit weit ausgebreiteten Armen sei als „offene und gelassene Geste“ gedacht. Formal knüpfe die Figur an das Kreuzsymbol auf dem Kirchendach an. „Es ist aber ein Mensch, kein Christus.“

Die Irritation liegt nicht nur bei der documenta-Leitung. Anfang der Woche rief ein besorgter Bürger die Feuerwehr. Er dachte, ein Lebensmüder wolle sich vom Kirchturm stürzen. „Am Montag, als das Gerüst abgebaut war, hat irgendein Autofahrer die Figur flüchtig gesehen und die Polizei angerufen. Das ist eine amüsante Anekdote. Mir geht es aber nicht um Popularität über solche Effekte“, sagte Balkenhol.

„Wenn man genauer schaut, erkennt man, dass die Skulptur nicht vollplastisch ist, sondern etwas flacher als ein Mensch und aerodynamisch, um sich im Wind zu drehen.“

Balkenhol-Figur löste in London Polizei-Einsatz aus

Nicht zum ersten Mal löste eine Balkenhol-Figur einen Polizeieinsatz aus. Als vor Jahren in London auf einer Boje in der Themse eine männliche Figur platziert war, wurde die Wasserpolizei gerufen. Heute steht die Figur in Hamburg.

Den Mann im Kirchturm werden von Juni bis September voraussichtlich eine Dreiviertelmillion Besucher sehen. Offiziell war Balkenhol bislang noch auf keiner documenta vertreten. Eine Zeitlang habe er sich eine Teilnahme gewünscht, sagte der Künstler.

Von den letzten documentas aber sei er enttäuscht gewesen. „Ich bin glücklich mit der Tatsache, dass ich in Kassel einen eigenen Tempel für mich habe“.

von Johanna Di Blasi

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