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Bewegendes Werk eines Zweiflers

Verdi-Requiem Bewegendes Werk eines Zweiflers

Der Dramatik des „Dies Irae“ fehlte die niederschmetternde Gewalt. Dies war auch der Akustik in St. Peter und Paul geschuldet, auf die Dirigent Siegfried Heinrich Rücksicht nehmen musste.

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Marburger Konzertchor, vier Solisten und die Sinfonia Silesia Kattowitz musizierten in der Marburger Kirche St. Peter und Paul Verdis „Requiem“. Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Wer Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“, die in der Musikgeschichte nicht ihresgleichen hat und ihre volle Wirkung nur in einem Konzertsaal entfalten kann, in einer Kirche mit halliger Akustik aufführen will, muss Kompromisse eingehen. Das war auch in St. Peter und Paul nicht anders. Hätte Siegfried Heinrich die Sinfonia Silesia Kattowitz im „Dies Irae“ nicht an die kurze Leine genommen, dann hätte das überaus kultiviert und klangschön musizierende polnische Orchester den 100-köpfigen Marburger Konzertchor in Grund und Boden gespielt - und vermutlich auch die Kirchenmauern erbeben lassen.

So tobte am Dienstag in der katholischen Kirche an der Biegenstraße kein Orkan, der in Verdis Schaffen nur in der „Otello“-Sturmmusik ein Pendant hat, sondern wehte allenfalls ein leichter Herbststurm.

Leben nach dem Tod? Diese Zuversicht wird verweigert

Was der Aufführung an niederschmetternder Gewalt fehlte, machten alle Mitwirkenden jedoch wett in den von tiefer Ergriffenheit durchdrungenen kantablen Sätzen, die ohnehin überwiegen in dieser „Totenmesse“.

Verdi, der bedeutendste Dramatiker und neben Mozart größte Menschengestalter der Musikgeschichte, hat mit ihr selbstverständlich nicht seine „schönste Oper“ komponiert - das ist leider ein immer noch kolportiertes dummes Vorurteil.

Dennoch ist Verdi auch im „Requiem“ ganz Musikdramatiker, preist mit ihm nicht das himmlische Leben, sondern gedenkt des Menschen, stellt Lebendigsein und das Versiegen jeder Bewegung im Tod einander gegenüber.

Dass es ein Leben nach dem Tod gibt, diese Zuversicht schenkt Verdi, der sich in seinen Opern immer auf die Seite der Ausgegrenzten und von Mühsal Beladenen geschlagen hat, den Zuhörern nicht: Das fast tonlos gestammelte „Libera me“ (Befreie mich) setzt am Ende ein großes Fragezeichen.

Menschen aus Fleisch und Blut singen um ihr Leben

Italiens bedeutendster Komponist war eben in Glaubensdingen ein großer Zweifler.

Menschen aus Fleisch und Blut, die um ihr Leben singen - die waren dank Heinrichs wissender und liebevoller Führung auch unter dem Kreuz von St. Peter und Paul zu erleben.

Der in allen Stimmlagen ausgewogen besetzte Konzertchor sang nicht nur mit vorbildlicher Piano-Kultur, etwa gleich im einleitenden „Requiem aeternam“.

Er durchlebte mit glühender Leidenschaft auch das Flehen um Erlösung und Gnade, zum Beispiel im „Salva me, fons pietatis“ (Gnadenquell, lass Gnade walten).

Für die Solopartien ist ein Quartett vonnöten wie in „Don Carlos“ und „Aida“, die unmittelbar vor dem „Requiem“ entstanden sind und darin nachklingen.

Die von Heinrich verpflichtete Sopranistin Katrin Kapplusch könnte man sich auch als Elisabeth von Valois und Aida vorstellen, Mezzosopranistin Barbara Buffy als Eboli und Amneris, Tenor John Rodger als Carlos und Radames, Bassist Slavin Peev als König Philipp II. und Isis-Priester Ramfis.

von Michael Arndt

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